Franz Wieman

 

 

 

Opa erzählt

 

 

 

 

 

 

 

(Franz Wieman im Gespräch mit seiner Enkelin Hildegard ca.1988)

 

 

 

Mein Vater stammte aus einer alten Osnabrücker Familie die seit mehreren Generationen im Gerberhandwerk tätig war. Einer seiner Brüder, Onkel Franz gründete in der damaligen Zeit eine Lederfabrik in Neumünster mit Büro in Hamburg, die in wenigen Jahren einen enormen Aufschwung nahm und ihn in kurzer Zeit zu einem sehr reichen Mann machte. Mein Vater, der zuerst bei einigen Ledergroßhandlungen in Berlin und in Frankfurt tätig war, machte sich dann in Hamburg selbstständig und verkaufte die Fabrikate aus dem Werk seines Bruders, die Lederwerke Wieman.

 

 

Meine Mutter (geb. Ficker) stammte aus Quakenbrück, aus einer Familie die dort eine Borsten- und Pinselfabrik hatte.

 

 

 

Ich erinnere mich an das Haus meiner Großmutter in Osnabrück. Es handelt sich um ein großes vom Grafen von Moltke einst gebautes Haus. Im Hofe hatte mein Großvater seine Gerberei gehabt, in alten Zeiten war es ein schlossähnliches Privathaus, Patritzerhaus gewesen, in welchem sich meine Vorfahren mit der Gerberei und ihrer bürgerlichen Wohnung eingerichtet hatten. Als Kind war es mir immer etwas unheimlich dort zu schlafen, überall knackte es und raschelte es. In dem Zimmer in welchem ich schlief, stand eine Säule. Wenn ich in der Dämmerung zu Bett gebracht wurde, schwankte sie, wenn ich einschlief hin und her, wie es mir erschien, das war mir immer so unheimlich. Ich war damals noch klein, so drei, vier, fünf Jahre.

 

 

 

Die ersten Jahre meines Lebens erinnere ich nur einige wenige Punkte.

 

 

 

 

 

 

Wir waren oft in Osnabrück, wo ich die Gerberei sah.

 

 

 

 

Franz Wieman links auf dem Schoß von seinerm Vater, rechts von den beiden seine Mutter,

dann die Großmutter Sophia, rechts sein Onkel Paul Wieman

im Garten Süsterstraße in Osnabrück

 

 

 

Mein Bewusstsein fängt eigentlich an mit meinem sechsten Lebensjahr, wo ich in die Schule kam.

 

 

 

 

 

 

 

1914 kam ich zur Schule, wir wohnten in Othmarschen einem Vorort von Hamburg, das aber damals zu Altona und damit zu Preußen gehörte. Die Schule war genau gegenüber von unserem Haus. Es gab dort den Schultyp: “Höhere Mädchenschule und Knabenvorschule“ die Mädchen gingen dort bis zur Lyzeumsreife, wir Knaben nur die drei ersten Klassen dann ging man auf die höhere Schule. Wenn man zur Volksschule ging, brauchte man 4 Jahre Vorschule. Wir lernten noch nach altem System zuerst deutsche Schrift, deutsche Druckbuchstaben und dann die Lateinische Schrift. Die alte Form, rauf runter rauf Pünktchen oben drauf das alte i. Das war der erste Buchstabe.1918

 

Vom Anfang des Krieges erinnere ich nicht mehr viel. Wir Kinder stellten uns das leicht vor und konnten die Probleme, die durch den Krieg kamen überhaupt nicht voraussehen. Zuerst ging alles gut, ich war auch zwei Jahre in der Schule, als unsere Eltern uns in Hamburg nicht mehr satt bekommen konnten. Wir fuhren dann in den Jahren, teilweise mit meiner Mutter teilweise allein nach Osterkappeln, Quakenbrück, Bad Rothenfelde. Mit wir, meine ich meine Schwester die anderthalb Jahre jünger war als ich und mit der ich in diesen Jahren immer zusammen war, Mathilde.

 

 

 

 

 

 

Erste heilige Kommunion von Mathilde und Franz in Ottensen

mit beiden Eltern

 

 

1918 kam ich auf die Sexta der katholischen Realschule mit Progymnasium in den gymnasialen Klassen in Quakenbrück wo ich ein halbes Jahr war. Im Herbst kamen wir wieder nach Hamburg und in Hamburg erlebte ich die Revolution die damals auf mich einen großen Eindruck machte. Dauernd fuhren Autos mit Leuten mit roten Fahnen durch die Straßen. Sonst merkten wir in Othmarschen nicht viel. Es kam ab und zu eine Kontrolle. Der wollte dann wissen ob wir Lebensmittel im Haus hatten. Aber der ging auch wieder weg. Die Einwohner gründeten eine Einwohnerwehr, bei der auch mein Vater war, die nachts patrouillierten, wenn es Unruhe gegeben hatte.

 

 

 

1921 wollte mein Vater mich lebensversichern lassen. Der Arzt untersuchte mich und schimpfte aber mit meinen Eltern, weil sie nichts für mich getan hätten, ich war sehr krank und schwach. Darauf kam ich nach Borkum ins Kinderheim, wo ich ungefähr ein Jahr war und Lateinunterricht bei dem dortigen Pastor hatte und etwas Französisch- und Deutschunterricht von einer Lehrerin die in dem Kinderheim Unterricht gab. Ich hatte Stellen an der Lunge und litt an Tuberkulose. Nach dem Kinderheim war ich kurze Zeit in Hamburg und ging wieder zur Schule. Dann kam ich aber nach Schreiberhau in Schlesien, wo ich ein halbes Jahr war und danach nach Oberstdorf im Allgäu, wo ich richtige Liegekur machen musste.

 

Franz in Oberstorf 1923

 

 

Nachdem ich in Oberstdorf eine Zeitlang war, kam ich wieder nach Hamburg zurück und mein Vater versuchte mir Lateinunterricht zu geben, dass ich die Lücken die ich in meiner Ausbildung hatte, nachholen konnte. Er war aber ein sehr schlechter Pädagoge. Er regte sich immer auf, wenn ich etwas nicht konnte und machte mich dadurch noch nervöser. Ich war dann einige Zeit zu Hause und meine Eltern meinten bei meinem Gesundheitszustand wäre es am Besten, wenn ich irgendetwas Landwirtschaftliches lernen würde. Sie kauften in Bienenbüttel eine Fischzuchtanstalt und ich sollte Fischzüchter werden. Wir hatten eine Brutanstalt für Forellen und einige Karpfenteiche.

 

 

 

Wir konnten ungefähr eine Million Forelleneier ausbrüten. Die Anstalt war in Bienenbüttel. Bei dem Durchdrehen von Schellfischen mit denen wir die Forellen fütterten, hatte ich mich verletzt und mir eine schwere Blutvergiftung zugezogen. Worauf ich eine längere Pause machte und mit einem Schiff von Verwandten, den Fabers, einen angeheirateten Vetter von mir eine Fahrt machte nach Leningrad und nach Höll in England. Da man damals so bald nach der Revolution nach Russland nicht einreisen durfte, war ich als Schiffsjunge eingetragen. Auf diesem Schiff war außer mir nur noch ein Passagier, der war Direktor in einer Anstalt wo er sich das ganze Jahr gut benehmen musste. Auf dieser Fahrt war er von Hamburg bis Leningrad und wieder zurück nicht einmal nüchtern. Er ließ sich soviel Flaschen mit an Bord bringen, daß er dauernd betrunken war. Er erzählte, in Hamburg müsse er sich immer sehr in Acht nehmen, wegen seiner Stellung und deshalb wollte er sich einmal im Jahr so richtig ausleben. Er war Leiter einer Irrenanstalt. Nach dieser Reise kam ich um weiter zu lernen in eine Fischzuchtanstalt bei Siegburg in Lohmar. Dort war ich auch ein halbes Jahr, aber dann sah ich, dass dieser Beruf doch nicht für mich das Richtige war und ich mir nie den Lebensstandard erwerben konnte, den meine Eltern ungefähr hatten, so daß ich doch auf Gerber umschwenkte. Ich kam erst ein halbes Jahr in Hildesheim in eine Lederhandlung zur Lehre, danach war ich ein Jahr in Eschweiler als Volontär in einer Lederfabrik, dann kam ich nach Freiberg in Sachsen auf die Gerberschule wo ich das Examen bestand.

 

 

 

Franz mit Mutter und Schwester (bevor sie in den Orden eintrat) in Koblenz

 

 

 

Mein Vater hatte bei einem seiner Sanatoriumsaufenthalte den Konsul von Palma de Mallorca kennen gelernt. Da ich nach Südamerika wollte um den Häutehandel kennen zu lernen, in den Fabriken von Wieman wurden hauptsächlich argentinische Häute verarbeitet, sollte ich Spanisch lernen und mein Vater schickte mich nach Palma de Mallorca, wo ich auf dem dortigen Konsulat als Volontär arbeitete. Hier machte ich alles Mögliche, ich habe Fremdenführer gespielt und Deutsche über die Insel begleitet und dadurch kam ich auf dem Land rum. Ich konnte aber dort nicht viel Spanisch lernen, weil auf dem Konsulat hauptsächlich Deutsch gesprochen wurde.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich verließ daher das Konsulat und war einige Zeit auf Inka auf Mallorca in der dortigen Lederfabrik als chemico-technico als Chemie-Techniker. Danach war ich in Barcelona, dort war ich in einer Pension die von einer Frau geleitet wurde, dessen Mann Kellner war. Dort war eine sehr interessante Gesellschaft, Studenten, ein Apothekenoffizier der sich meiner sehr angenommen hat und mir half, die spanische Sprache zu erlernen. Dort bewarb ich mich um eine Stelle in einer Lederfabrik in Durango im Baskenland wo ich im Januar 1930 hinfuhr. Durango ist ein kleines Städtchen in der Nähe von Bilbao es hatte damals 4000 Einwohner und war ein Sitz des Konservatismus. Es lebten ungefähr 90 Geistliche in diesem kleinen Nest, die sich teilweise sehr zurückgezogen hatten. Hier gefiel es mir sehr gut da das Leben da freier war und ähnlicher, wie im damaligen Deutschland. Man konnte schon mal mit jungen Mädchen zum Tanzen gehen, was im übrigen Spanien sehr schwierig war. Dann ging ich nach Madrid und nach einiger Zeit wieder nach Barcelona, wo ich mit zwei Freunden eine Firma gründen wollte zum Import von Chemikalien für die Lederindustrie und die Textilindustrie. Wie wir gerade in den Planungen waren, bekam ich einen Brief meiner Mutter mein Vater wäre schwer erkrankt und ich sollte nach Hause kommen. Ich kam dann nach Haus und trat in das Geschäft meines Vaters ein, Ledergroßhandlung, obwohl ich kaufmännisch eigentlich gar nicht vorgebildet war, sondern mehr als Gerber und Gerbereitechniker. Ich war dann einige Jahre Angestellter in der Firma meines Vaters, der Firma „Otto Wieman“.

 

Im Jahre 1935 oder 1936 war ich auf einer Geschäftsreise in der Provinz Sachsen. An einem schönen Juninachmittag, an einem Sonnabend nahm ich mir frei. Es war ein sehr schöner Tag, die Sonne schien, die Vögel sangen und ich war noch jung. Das Saaletal wurde von mir durchwandert und nachdem ich die Rudelsburg besucht hatte, kam ich nach Halle, wo ich mein Hotel hatte. Es war ein sehr schöner Sommerabend, wie wir solche Abende in Deutschland selten haben. Ich ging daher in ein Gartenlokal, um dort etwas zu essen. Mein Tisch wurde durch eine kleine elektrische Lampe erleuchtet. Da es ein sehr warmer Abend war, wurde sie von vielen Nachtfaltern und anderen Nachtinsekten umflattert. Auf einmal leuchteten im ganzen Garten farbige Laternen auf und eine kleine Kapelle trat auf. Drei Musiker die die damals üblichen Tanzweisen spielten. An den Tischen saßen vereinzelt hier und da Gäste, meistens Pärchen. In der Mitte war eine kleine Tanzfläche, auf der immer zwei bis drei Paare tanzten. Zwei Tische weiter vor mir, saß ein junges Mädchen, ungefähr 25 bis 26 Jahre alt. Ich forderte sie auf und tanzte einige Male mit ihr. Dann lud ich sie an meinen Tisch. Ohne viel Ziererei nahm sie die Einladung an. Wir kamen ins Erzählen, sie war wie man es damals nannte „Stütze der Hausfrau“ und zwar bei dem Scharfrichter für Deutschland. Die Nazis hatten die Verhängung der Todesstrafe in Deutschland ausgeweitet. Auch hatten sie die Guillotine abgeschafft und das Handbeil wieder eingeführt, die wollten wohl, dass wir immer mit dem Beil abgeköpft wurden. Später mussten sie wieder auf das Fallbeil zurückkommen weil sonst die vielen Hinrichtungen nicht zu schaffen waren. Das Mädchen erzählte mir wie das Fallbeil aussah, daß oben in ihm Quecksilber war, damit es beim Kopfabschlagen mehr Wucht entfaltete. Auf einmal war mir als sähe ich in einem dunklen Keller das Beil liegen und funkeln, es kam mir vor, als wäre ein Schatten über den schönen Abend gezogen. Es war eine seltsame Stimmung die bunten Lampen leuchteten, die Musik spielte leise und schwermütig und sehnsüchtig. Durch meinen Kopf aber zog ein Hauch von Tod und Angst. (Hildegard: Weil es so unheimlich war?) Ja ich stellte mir das so vor, nicht wahr, wie in dem Haus das Beil so lag. Weißt Du, damals war man Todesstrafen nicht so gewöhnt. Das war 1935 oder Anfang 1936. Mami lernte ich ja erst Ende 1936 kennen.

(Hildegard: „Und was ist aus dem Mädchen geworden?“)

Das weiß ich nicht. Ich sah sie ja nur einen Abend. Nachher war mir die ganze Stimmung verdorben.

 

 

 

1936 lernte ich meine spätere Frau Monica Kolbe bei einem Fest, dass von einer besseren katholischen Gesellschaft organisiert war, in Hamburg in dem Palast Hotel kennen. Ich sollte eigentlich eine andere junge Dame dabei kennen lernen, bekam aber als Tischnachbarin meine spätere Ehefrau Monica Kolbe. Wir kamen sehr gut nett ins Gespräch und sie unterhielt mich sehr gut, ich kam gar nicht zu Worte.

 

(Hildegard lacht: “Hat sie Dich so in Grund und Boden geschwatzt?“)

 

 

 

 

 

 

 

 

Monica Kolbe

 

Nachher gingen wir noch in eine kleine Bar zum Tanzen. Woraufhin ich sie später öfters bei Festen traf und wir zusammen tanzten oder auch in eine kleine Bar gingen. Eines Tages machten wir zusammen einen Ausflug. Es war im November 1936 und da erzählte sie mir, daß sie von ihrer Firma nach England geschickt werden sollte, was damals sehr schwierig war in der Nazizeit wegen der Devisen, dass sie sich aber dann verpflichten müsse, ein halbes Jahr dort zu bleiben und danach 2 Jahre weiter für die Firma zu arbeiten. Daraufhin verlobten wir uns und teilten dies abends ihrer Mutter mit. Die Schwiegereltern waren sehr damit einverstanden und die Verlobung feierten wir einige Tage später. Es passte ihren Eltern insofern gut, der Vater meiner Schwiegermutter war gerade gestorben und hatte ihr allerhand, einiges vererbt. Daraufhin feierten Sie im großen Rahmen ihre silberne Hochzeit und gaben bei dieser Gelegenheit, die Verlobung ihrer Tochter bekannt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Jahre 1937 heirateten wir

 

 

 

 

 

 

 

und im Dezember starb mein Vater

 

 

 

 

und ich wurde zusammen mit meinem jüngeren Bruder (Clemens) Inhaber der Firma Otto Wieman. Im Jahre 1938 wurde mein erster Sohn Franz geboren. Die Geburt nahm meine Frau ziemlich mit, sie bekam eine Embolie am Bein und deswegen machten wir eine Reise nach Österreich. Wie wir in Österreich waren, kamen Kriegsgerüchte, es war die Münchener Konferenz in der beschlossen wurde, daß das Sudetenland an Deutschland abgetreten wurde. Wir fuhren zurück, brachen unsere Ferien ab. Wie wir zu Hause ankamen, war alles befriedigt, denn die Westmächte hatten Hitler das Sudetengebiet zugestanden. Im Sommer 1939 waren wir in Bad Pyrmont, wie wir zurück kamen, verdichteten sich die Kriegsgerüchte und 1939 brach dann der zweite Weltkrieg aus. Sofort setze eine strenge Bewirtschaftung ein. Leder wurde nur in begrenzten Mengen zugeteilt. Ich konnte nicht mehr kaufen wo ich wollte, sondern wir mussten die Zuteilungen nehmen, wie sie uns vom Reichswirtschaftsamt zugeteilt wurden. Die Kunden mussten sich bei einem einschreiben. Man durfte nur diese Kunden in beschränktem Rahmen beliefern.

 

 

 

 

 

 

Ja, ich hatte zuviel Leder verkauft. Es war so, damals bekamen wir Kontingente in Leder und die wurden mechanisch vergeben. Ich hatte so ein schlechtes Kontingent, so mieses Leder bekommen von der Zuteilungstelle in Berlin. „Warum?“ Ja das war zufällig, die verstanden nichts davon. Nun dachte ich, die Kunden, die haben mir ihr Vertrauen gegeben, nun kann ich sie nicht enttäuschen, da hab ich schwarz Waggons aus Österreich bekommen, zwei oder drei Waggons mit Leder, und wenn dann einer eine Karte hatte für 100 Kilo dann hatte ich ihm 110 gegeben, oder 105 oder 120 und das ist nachher aufgefallen. Da bekamen wir eine Anklage von der Reichsstelle in Berlin, mein Bruder und ich, wir leiteten das Geschäft, und steuerlich hatte ich alles richtig angegeben. Da kamen wir vor das Sondergericht und das Sondergericht hatte alle Möglichkeiten, wir hätten 5.000,- Mark Geldstrafe bekommen können oder die Todesstrafe. In Bayern sind bei derselben Sache 2 Leute geköpft worden, die ganz ähnliches gemacht hatten. Wir, mein Bruder und ich bekamen 2 ½ Jahre Gefängnis. Da waren wir schon glücklich, ich war glücklich, weil mein vernünftiger Rechtsanwalt mir gesagt hatte, wir müssen sehen, daß wir kein Zuchthaus haben, denn dann wird das im Krieg nicht angerechnet. Man wusste ja nicht wie alles nach dem Krieg kommen würde.

 

 

Mein Bruder der kam erst zu den Soldaten, dann wurde er zum einfachen Soldaten degradiert, er war Oberfeldwebel und dann hat er sich gemeldet zum Stoßtrupp und da ist er gefallen und da hat sein Boss ihn am Grab wieder zum Oberfeldwebel gemacht. Das nebenbei.

 

 

 

 

Februar 1942

Otto-Clemens (gest. 3.5.1942) mit seinen beiden Kindern

 

 

 

Zusatz zu dem Strafverfahren

 

Das Wirtschaftsamt teilte mir eine Ledersorte zu die mich nicht befriedigte und die Kunden die ich belieferte stark benachteiligte. Ich konnte damals aus Österreich einige Waggons Leder organisieren und ich konnte meinen Kunden daher etwas mehr zuteilen, wie offiziell gestattet war. Dies wurde entdeckt und im Jahre 1941 kamen mein Bruder und ich vor das Sondergericht. Das Sondergericht war nicht an bestimmte Gesetze gebunden, sondern es verfuhr nach ziemlicher Willkür. Wir wurden zu 2 ½ Jahren Gefängnis verurteilt Mein Bruder kam in das Strafgefängnis der Wehrmacht, wurde aber bald unter Degradierung zum Fronteinsatz entlassen. Um seinen Oberfeldwebel (Dienstgrad) wieder zu bekommen meldete er sich zu einem Stoßtrupp von dem er nicht wieder zurückkehrte.

Erst war ich dann in Untersuchungshaft. Da war ich mit sehr interessanten Leuten zusammen mit Schemut? (Akustisch wieder gegeben.) Der hat ganz wilde Geschäfte gemacht mit der SS. Die SS wollte ihn ins KZ bringen und hat man ihn von Berlin hin (nach Hamburg) gebracht. Da wusste derjenige nicht in Hamburg Bescheid, wo er hinwollte und da hat er ihm dies Gefängnis gezeigt und als er nun erst mal im Gefängnis war, da haben sie ihn nicht mehr aus dem Gefängnis ausgeliefert. Das Schrecklichste war bei der Untersuchungshaft. Da wurde abends verkündet von dem und dem ist die Begnadigung abgelehnt, und sie wurde fast immer abgelehnt, und dann wurde er geköpft. Es wurde ja laufend geköpft. Im ganzen Haus war dann so eine schlechte Stimmung. Denn morgens wurden sie dann zur Guillotine gebracht und so um 4.00 bis 5.00 Uhr geköpft. Pfarrer Bein, da hab ich noch ein Gebetbuch von, der hat gesagt. Es war so schrecklich, da war ein Polenjunge, er war wohl 17 Jahre alt und der hat einem deutschen Mädchen die Hände gestreichelt und der ist wegen Rassenschande zum Tode verurteilt. Danach kam der Pfarrer ganz erschöpft zu uns in die Zelle, nachdem er die ganze Nacht mit dem Jungen verbracht hat, um ihn zu trösten und am nächsten Morgen ist er um 5.00 dann geköpft worden.

 

 

 

Nachher kam ich nach Fuhlsbüttel ins Gefängnis. Da kam ich kurze Zeit in Einzelhaft. Dann wurde ich Brotschneider und leitete ich die Bücherei was mir sehr lag. Da musste ich immer eine Illustrierte, (also die mussten die Zuchthäusler nebenan sammeln, die wurden in Bände gebunden), ein unterrichtendes Werk und dann ein Werk, irgendeinen Roman den die wollten, da konnten die Gefangenen mir immer die Wünsche geben und ich musste das zusammenstellen. Nachher hatte ich auch einige Wärter in der Hand, weil sie sich auch Bücher liehen von mir, was ganz verboten war. An sich waren alle Bücher die sonst von den Nazis verboten waren, hatten sie in der Gefängnisbücherei vergessen. Da waren die guten Bücher von den Engländern, ich hab den Namen jetzt vergessen, also alle die damaligen guten englischen Schriftsteller und die alten deutschen Schriftsteller. Vor allem immer Bauernromane wurden gewünscht, es war eigentlich eine befriedigende Tätigkeit. Mit mir waren noch zwei Norweger, mit denen ich nachher auch in eine Zelle kam. Der eine war Arzt und der andere war Medizinstudent, ehrenwerte Leute, es waren nachher im Gefängnis über 100 Norweger die alle unter der deutschen Besatzung irgendetwas ausgefressen hatten. Dann war ich auch noch Assistent von dem Lehrer im Heim und musste dann mit in die Küche und so und bekam da immer etwas zu essen, so dass es mir im Gefängnis eigentlich gar nicht so schlecht ging. Ich musste ja viel lesen, ich hatte eine Extraerlaubnis abends das Licht länger anzuhaben. Weil ich als Bibliotheksleiter ja die Bücher kennen musste. Ich war dort etwa 1 ½ Jahre.

 

Zusatz zur Gefängniszeit

 

Meine Tätigkeiten dort habe ich ja schon geschildert. Zuerst war ich in einer Einzelzelle mit einfachen Arbeiten beschäftigt. Dann musste ich Brot schneiden, dann bekam ich die Leitung der Bibliothek und wurde Assistent von dem Betreuer der Gefangenen, einen pensionierten Lehrer. In der Bücherei arbeitete ich zuerst mit einem Rechtsanwalt zusammen, der wegen § 177(Schwulenparagraph) verurteilt worden ist. Dann später mit zwei Norwegern, ein Arzt und ein Medizinstudent, zwei sehr gebildete und feine Leute, mit denen ich später auch die Zelle teilen musste. Sie hatten am Widerstand in Norwegen gegen die deutsche Besatzung gearbeitet. Es waren ungefähr 150 Norweger im Gefängnis, alles Leute, die gegen die deutsche Besatzung gearbeitet haben. Da diese beiden Norweger nur wenig Deutsch konnten, hatte ich praktisch allein die Leitung der Bücherei. Die Bücherei war sehr gut, wir hatten viele Werke älterer englischer Autoren in deutschen Übersetzungen. Romane die aus den öffentlichen Bibliotheken längst entfernt waren, von den Nazis. Wir sammelten immer Illustrierte die wir in dem benachbarten Zuchthaus einbinden ließen. Jedem Gefangenen stand ein unterhaltender Roman, ein belehrender Roman und ein Band Illustrierter pro Woche zu. Sie durften auf Zettel schreiben, was sie wünschten. Die meisten wünschten sich seltsamerweise Bauernromane und ich musste das für sie fertigmachen. Das wurde dann von den Kalfatern der einzelnen Abteilungen abgeholt. Nachher haben auch einige Wärter, was streng verboten war, von mir Bücher geholt. Dadurch hatte ich sie ja etwas in der Hand, denn die Wärter durften offiziell mit den Gefangenen nichts zu tun haben. Die alten Wärter von früher kamen mir sehr entgegen, weil sie das, was ich getan hatte, nicht als Verbrechen ansahen. Es waren nur einige Naziwärter da, vor denen man sich in Acht nehmen musste. In der Zelle durfte der Arzt auch eine medizinische Zeitschrift halten, so daß ich auch immer etwas Unterhaltung hatte. Nachher wurde ich plötzlich entlassen, da meine Frau über den Staatsanwalt meine Beurlaubung zur Wehrmacht durchgesetzt hatte.

 

 

Ich bin bis heute noch nicht entlassen, ich bin nur beurlaubt zur Ableistung des Wehrdienstes. Da kam ich nach Pommern zur Ausbildung und da blieb ich nur kurze Zeit und dann kam ich nach Zebesch in Russland als Rekrut und da bin ich ausgebildet worden. Da kamen wir zu einem sehr wilden Haufen. 1/3 waren Rekruten, das waren junge pommersche Landarbeiter, die sagten so ein schönes Leben hätten sie noch nie gehabt, und wir Alten, ich war damals ja so dreißig, wir konnten gar nicht richtig mitkommen. Da waren Facharbeiter, die bis dahin U.K. geschrieben waren, weil sie in Norwegen bei den Bauten waren oder bei kriegswichtigen Industrien und 1/3 war im Gefängnis gewesen und nun zum Wehrdienst beurlaubt. Da wurde ich nun ausgebildet. Das war, eine richtige Militärausbildung hatten wir ja nicht, wir konnten ja keine Spindordnung haben, die Sachen lagen ja auf dem Boden, es gab ja keine Schränke und nichts. Das war in Russland an der Grenze zu Lettland.

 

 

 

Als Soldat auf Heimaturlaub mit seinen beiden Söhnen 1943

 

 

(Frage: Und Du warst überhaupt nicht in der Partei gewesen?)

 

Nein, nein. Das hätte mir vielleicht etwas geholfen. Einen SA Kursus habe ich mal mitgemacht, dass musste jeder. So ein bisschen Geländeübung.

 

 

Ja, manchmal fehlt einem das Systematische. Ich habe immer viel gelesen und dann 2 Jahre zur Schule nur und dann bin ich gar nicht für Kaufmann ausgebildet und dann musste ich Kaufmann werden und dann nachher die Probleme mit Mami nicht? Die ganze Branche, Unterleder hörte dann ziemlich auf nicht? Alle Fabriken haben zugemacht...Ja ich hab das nicht immer so ganz leicht gehabt. Aber ich hab immer auch im Pech Glück gehabt. Denn wäre ich damals in russische Gefangenschaft gekommen, dann hätte ich nicht überlebt. Denn da ging es uns schlecht. Trotzdem ich ( „ H. unterbricht: Ist es auch bei Euch die Geschichte gewesen, wo Ihr geflohen seid und wo der Mann erschossen wurde im Zug?.“)

 

 

Nein, das war, das kann nur Moni, Mami erzählen, die ist doch von Sachsen geflüchtet mit den Kindern, da war ich ja noch in Agram. Es war so, Mami war ja in Pommern. Da klappte es mit den Verwandten nicht. Es ist ja auch oft so mit den Verwandten, es klappt ja selten. Und da war Daddy da, also ihr Vater. Und nun hatte sie auch noch entfernte Verwandte die ein Schloss in Sachsen hatten bei Kamenz in der Lausitz, und die luden sie ein und dann fuhr sie dahin. Und das war im Oktober 1944, und ich war noch bei der Frontleitstelle in Agram. Ich wusste, das der Russe jeden Tag weiter kam, dass die ganze Front am zusammenbrechen war. In der Heimat wussten sie nichts davon, da war ja strenge Zensur. Wenn Du einen englischen Sender hörtest, wurdest Du geköpft. Manche Leute taten das ganz geheim, damit man von der Welt etwas erfahren konnte. Und ich schrieb Mami immer verzweifelte Briefe, sie sollte nicht nach Sachsen gehen, weil ich ja wusste, daß die Russen da in einiger Zeit hinkamen. Und genau durfte ich ja nicht schreiben, sonst hätten sie mir ja den Kopf abgeschlagen wegen Defätismus. („Ach wurden die gelesen die Briefe?“) „Natürlich die wurden alle zensiert. Einige Briefe von mir waren bis zur Hälfte schwarz gemacht. Gott sei Dank, haben sie mir nichts getan. Aber weil ich ja bei der Frontleitstelle war, wo alle Nachrichten zusammenliefen, wussten wir ja, dass alles zusammenbrach. Moni schrieb mir einen ganz bösen Brief, was sie in Schleswig Holstein sollte, dort habe sie gar keine Bekannten und in Sachsen käme sie zu netten Verwandten und auf ein Schloss und es wäre mit den Kindern so nett und nachher war der Russe schon in Görlitz in der Nähe und da wollte sie fliehen. Da ging sie zu dem Standortkommandanten, man musste ja die Genehmigung haben damals, die Bahn zu benutzen. Sie wollte nach Hause, ja aber das ginge nicht und während sie noch da war bekam er einen Telefonanruf und da sagte er: “Fliehen Sie, fliehen Sie! Der Russe ist da und da schon durchgebrochen!“ Da hat sie denn die Kinder genommen und musste dann durch Schnee mit drei kleinen Kindern zum Bahnhof stiefeln, dann hatten wir noch das kleine Dienstmädchen damals, ich weiß gar nicht mehr wie die hieß, (Alice!) und dann kamen sie mit dem einen Zug noch bis Dresden. Es war immer die Gefahr weil viele Brücken gesprengt wurden, wenn Du auf der Flucht bist, ist jeder Fluss Dir lästig und in Dresden da hing sie nun rum und da hieß es, es geht ein Zug von Dresden Neustadt, also auf der anderen Elbseite weiter, und dann ging sie dahin und der Zug stand, ich glaube, 3,4 Stunden da und dann fuhr er los und sie kam den Abend noch bis Halle. Wie sie da im Luftschutzbunker saßen, da hörten sie die Flieger über sich wegrauschen und das war das schreckliche Bombardement Dresdens. Wo ja über Hunderttausend Leute umgekommen sind. Wenn sie da am Bahnhof geblieben wäre in Dresden, dann wäre sie wahrscheinlich mit allen Kindern umgekommen. Auf der Fahrt am nächsten Tag sind sie von englischen Tieffliegern angegriffen worden. Ja, das waren Zeiten! Und es war noch immer die Nazizeit, wenn auch alles am Zusammenbrechen war, mussten die Zeitungen so ungefähr schreiben, als ob wir immer siegten. Wenn Du eine Kritik äußertest oder Zweifel hattest oder meintest daß es nicht gut ging, dann konntest Du Zuchthaus oder Kopf ab bekommen. Nachher waren sie wahnsinnig mit dem.

 

 

 

 

 

(Zusammenfassung von Monica Wieman im Fotoalbum)

Am 29 . Juli 1943 nach Pommern. 1. Schultag von Franz und Nicki (Dirk) im August 1944. Am 13 . 12. 1944 ging nach Hennersdorf bei Kamenz / Franz’l geht zur Schule nach Golenau.

 

Am 12.2.1945 fuhren wir nachts um 2 Uhr ab nach Hamburg. Am gleichen Tag um 15:30 Uhr von Dresden nach Halle – 4 Stunden vor dem ersten Terrorangriff auf Dresden! Übernachtung in Halle. Am 14.2. um 8:00 Uhr ab Halle im Gepäckwagen. Um 11 ½ Uhr Tieffliegerbeschuss. 1 m neben Franzl ein Soldat, Kopfschuss und tot. Um 13:00 Uhr an Wegeleben. ,Um 18:0 Uhr Quedlinburg, dort übernachtet. Am 15.2. 10:00 Uhr an Halberstadt – Vollalarm- Um 14:00 Uhr ab Halberstadt über Goslar – Hildesheim - Lehrte. Am 16 .2.1945 um 2:00 an HH-Hauptbahnhof . Alle gesund!!

 

 

Als ich den Prozess hatte, da hätte ich auch, ich sagte ja schon, 300,- Mark Geldstrafe oder Kopf ab haben können. Es waren so wackelige Sätze wie der Richter das machte, die Volksgerichte. Ja man hat einiges erlebt.

 

Im Jahre 1942 (10.9 1942 1. Kompanie Feld-Ausbildungs-Regiment/1. Kompanie Grenadier (Feld-Ausbildung) Regiment 640) ab 31. 12 1942 wurde ich zur Ableistung des Wehrdienstes beurlaubt, ich wurde eingezogen nach Pommern, dann kam ich mit einer Ausbildungskompanie nach Sebesch an der Grenze zwischen Lettland und Russland aber auf russischem Gebiet. Nach unserer Ausbildung kamen wir in den Schlauch von (Demjansk) über (Staha ja russa?) Nach der Ausladung in „Staha ja russa“ standen wir einen halben Tag lang im Schnee. Ich war nicht so gesund und von da an bekam ich Herzbeschwerden. Wir kamen zuerst zu einer Einheit der wir eingegliedert werden sollten, diese Einheit, ein Bataillon, war aber so dezimiert, dass sie erst neue Rekruten gar nicht aufnehmen konnten, weil die Ausbilder fehlten. Sie waren mit über 500 Mann auf einen Berg/Hügel gestiegen, hatten ihn auch erkämpft, den so genannten Timoschenko-Kanonenhügel waren aber nur mit einigen 40 Leuten wieder zurückgekommen. Was da für Verluste waren! Dann war ich bei einer anderen Einheit in Tinjangst und zum Schluss bei einer halb verlorenen Kompanie. Wir hielten einen Schützengraben den die SS im ersten Ansturm erobert hatte, aber strategisch unwichtig war und wohin sie alle Truppen schickten, die sie bei ihren richtigen Regimentern nicht haben wollten. Die Radfahrkompanie die im Winter nichts machen konnte, die überzähligen Attilerieristen und uns, die neuen Rekruten. Diese Stellung hielten wir einige Wochen, es war ziemlich gefährlich, insofern als die Russen nachts in Schneehängen heran krochen und die eine oder andere Maschinengewehrstellung von uns stürmten. Da die Stellung aber nicht zu halten war, räumten wir sie mitten im Winter und lebten dann 14 Tage im Wald im Schnee. Die Gulaschkanonen kamen nicht mehr, wir hatten nur Kaltverpflegung und reichlich Schnaps. Jeden Tag ein Kochgeschirr voll Wodka eine Flasche französischen Cognac oder ein anderes starkes Getränk. Hierbei bekam ich ganz dicke Beine, so dass ich nicht mehr laufen konnte, oder nur sehr schwer und wie wir dies Gebiet räumten, weil die Russen näher heranrückten, war ich völlig fertig und wollte mich in den Schnee setzen. Ein Unteroffizier der sich meiner annahm, ging hinter mir, trieb mich durch Püffe weiter bis wir zum Gebiet eines Regiments kamen, daß sich eingeigelt hatte. Dort kam ich in das Verwundetenzelt und wie ich da war, schämte ich mich beinahe, weil ich keine Schmerzen hatte und um mich herum lagen Leute denen der Bauch aufgerissen war, die Schmerzen hatten, die Arme und Beine verloren hatten. Alles was bei einer solchen Schlacht noch übrig blieb. Ich dachte, ich werde gleich wieder weggeschickt, aber der Arzt tippte nur auf meine Beine und sagte: „Lazarett – Heimat“. Dann wurde ich auf so eine Kleinbahn die wir Deutschen dort hatten auf offenen Wagen verladen und kam über diverse Krankenstationen nach Wilna. Dort kamen wir in einen Lazarettzug, der uns bis Dresden beförderte und in Dresden konnte ich meine Frau anrufen, die lange nichts von mir gehört hatte und kam nach Baden-Baden in das Landesbad als Lazarett. Hier wurde ich auf alle möglichen Krankheiten behandelt, zuletzt aufs Herz und nach einiger Zeit entlassen als GVH, das heißt nur heimatdienstfähig. Inzwischen war meine Tochter Monilies geboren und ich konnte meine Frau bei einem kurzen Heimaturlaub besuchen. Ich kam dann zur Sammelstelle für nur Heimatdienstfähige nach Münster und nahm von meiner Frau gar nicht großen Abschied, weil ich dachte, jetzt werde ich ja in Deutschland bleiben. Ich bekam aber einen Marschbefehl nach Brianz mitten in Russland. Ich hatte es damit aber nicht schlecht getroffen, denn ich kam zur Frontleitstelle, die sowohl die Übernachtung wie auch die Verpflegung der anderen Soldaten zu besorgen hatte. Ich war da erst als Fahrer, dann wurde ich versetzt von dieser Dienststelle zur Heeresstreife, wo ich auch Autofahrer war. Mit der Heeresstreife wurden wir nach den Abfall Italiens über Ungarn nach Jugoslawien versetzt und zwar nach Südserbien. Hier war ich einige Zeit und bekam dann Heimaturlaub. Wie ich zu Hause ankam hatte ich Gelbsucht.

 

 

Meine Frau war inzwischen mit 3 Kindern zu Verwandten nach Pommern gefahren, weil seit einem Großangriff auf Hamburg im Jahre 1943 es hier zu unsicher war. Ich wurde in einem Lazarett in der Lüneburger Heide ausgeheilt und bekam Urlaub, dass ich im März 1944 meine Frau in Rossin, dem Gut vom Onkel meiner Frau, wo sie mit den Kindern lebte, besuchen konnte.

 

 

 

 

 

Während meines Urlaubs wurde ich wieder zur Frontleitstelle versetzt und zwar nach Agram, heute Zagreb, in Jugoslawien. Hier kam ich in die Verpflegungsabteilung, wir mussten die durchreisenden Soldaten verpflegen. Im März 1945 wie die Front im Balkan zusammenbrach, fuhren wir zuerst aus der Stadt heraus, lebten einige Tage in einem Eisenbahnwaggon wo wir immer schliefen. Tagsüber gingen wir in den Wald, weil es zu gefährlich war in den Waggons zu bleiben, weil die russischen Flieger uns sonst bombardieren konnten. Dann kamen wir über Ungarn nach dem Muur?? Dreieck wo wir einige Zeit blieben. Wir waren erst im Eisenbahnwaggon mit unsern Lastwagen und mussten nun, weil die Bahnen nicht mehr fuhren und wir auch keine Lokomotive bekommen konnten, alles in Lastwagen verstauen. Die Offiziere liefen alle nervös herum und verbrannten alle Papiere und ich bekam den ersten großen Anschnauzer, weil wir alle nervös waren und ich lag in der Ecke unter einem Busch und las den Herrn Kortüm. Das regte einen Hauptmann so auf, dass er sich vor mir aufbaute und sagte: „Wie können Sie in dieser Situation noch ruhig lesen?“ Wir fuhren dann mit unseren Lastwagen über Marburg (heute Maribur) nach Klagenfurt, wo wir einige Zeit blieben, dann fuhren wir einige Zeit in Österreich hin und her. Nach Klagenfurt ging das Gesause nach Emsdetten. In Emsdetten blieben wir wie der Amerikaner schon in Linz war und der Russe in St.Pölten. Dann flüchteten wir noch mit unseren Lastwagen, die das kaum schafften nach Weyer hoch im Gebirge, wo wir ein Schloss besetzten. Nach 2 Tagen mussten wir dort auch schon wieder weg und fuhren in die Richtung nach Herstein, da erhielten wir die Nachricht von der Kapitulation. Nun war alles sehr aufgeregt, wer Mitternacht nicht in Rastatt ist, kommt in russische Gefangenschaft; wer jenseits von Rastatt ist, kommt in amerikanische und natürlich wollten wir alle lieber in amerikanische Gefangenschaft. Wir fuhren weiter und vor uns waren die ganzen Versorgungseinheiten. Die Versorgungseinheiten schmissen alles weg. Die Bauern in der Nachbarschaft sammelten alles auf. Der eine nur Hosen der andere nur Unterhemden. Wir sahen dadurch erst, was für Vorräte da noch waren. Es wurde Rotwein verteilt, alles was so die deutschen Truppen noch hatten. Der erste Amerikaner dem wir begegneten, wollte uns aber nicht gefangen nehmen. Unser Leiter, unser Major lief zum ihm hin:“ Melde, Frontleitstelle will sich in Gefangenschaft ergeben!“ Der Amerikaner sagte aber nur: “Go on.“ So fanden wir den ganzen Tag keinen Amerikaner der uns gefangen nehmen wollte. Nachts kamen wir noch bis Rastatt. Am anderen Tag ins (undeutlich gesprochen)...rheintal wo ungefähr Zehntausende von deutschen Soldaten, Flakhelfern und so alles versammelt war. Unser zweiter Mann, ein Major, der früher Kriminalkommissar gewesen war, ging in dem allgemeinen Durcheinander zu den Amerikanern und stellte sich zur Verfügung, woraufhin unsere Einheit zur Verteilung über die ganzen gefangenen Deutschen in dem Tal gesetzt wurde. Dadurch hatten wir natürlich einen Vorteil. Nachher wurden wir von den Amerikanern in geschlossenen Bussen nach Bayern gebracht, wo wir an einem schönen Teich lagen. Wir hatten kaum Verpflegung, aber wir hatten uns selbst aus den deutschen Heeresbeständen soviel Fleischdosen organisiert, so daß wir leben konnten. Wir haben dort tatsächlich Wurst mit Butter beschmiert, weil wir nichts anderes hatten. Dann kam die Entlassung durch die Amerikaner.

 

Die Amerikaner entließen nur nach amerikanisch besetzten Gebieten, Hamburg war aber englisch besetzt. Deswegen ließ ich mich nach Hamm in Westfalen entlassen. In einer Ruine in Hamm hat ein Freund von mir das zweite „m“ auf meinen Entlassungspaieren ausgekratzt und mit möglichst gleichartigen Buchstaben „burg“ dahinter geschrieben. Damit ich eine Entlassung nach Hamburg hatte, was eigentlich nicht statthaft war. Zu Fuß, per Anhalter zog ich mich dann bis Hamburg-Harburg durch. Hier war die große Sorge, weil auf den Elbbrücken eine strenge Kontrolle war, ob ich mit meinen falschen Entlassungspapieren wohl auffallen würde. Es ging aber alles gut und ich kam im Juni 1945 bei meiner Frau an, die auch schon aus Pommern nach Hamburg zurück geflüchtet war.

 

Dann bauten mein Bruder (hier meint er seinen jüngsten Bruder „Paul Wieman“) und ich unser Geschäft wieder auf.

 

 

 

 

 

 

Ausstellung "Vom Leder zum Schuh"

in Hamburg bei

Planten und Blomen

August 1951

Stand der Firma Otto Wieman

erster von rechts im Profil Franz Wieman

 

 

 

 

Ich konnte Gott sei Dank, weil ich Leder hatte, meine Kinder immer einigermaßen ernähren. Geld hatte ja damals keinen Wert, man musste immer etwas zum Tauschen haben. 1948 lief das Leben wieder in geordneten Bahnen und es wurde unser viertes Kind, die Katharina geboren. Die ersten Jahre lief das Ledergeschäft recht gut, später nicht mehr, weil das Unterleder, auf das wir spezialisiert waren, immer mehr durch Gummi verdrängt wurde. Für 2 war das Geschäft nicht mehr tragfähig und mein Bruder ging in ein anderes Geschäft, in eine Darmgroßhandlung. Ich stellte mich dann mehr vom Großhandel auf Vertretung um und führte das Geschäft bis 1964. Dann hörten fast alle Fabriken, die ich vertreten habe, auf zu arbeiten, so daß ich ohne Beruf plötzlich dastand. Ich habe dann verschiedene Vertretungen in anderen Branchen gehabt, konnte aber die alte Bedeutung nicht wieder bekommen. Zuletzt war ich ein Jahr als Angestellter bei einem Versicherungsmakler, wenn ich da als Jüngerer hingekommen wäre, wäre das ein sehr interessanter Beruf gewesen.

 

Meine Frau war an Multiple Sklerose erkrankt, die immer schwerer wurde und wir fanden dann in einer Wohnung in einem Altersheim in Wangen einen Platz, wo wir einige Jahre wohnen konnten.

 

Sie reden allgemein über Sterben (Im letzten Jahr ist jeweils 1 Bruder von Franz und seiner Frau Monica gestorben) sie kommen auf das Thema vererben und Franz erzählt:

 

 

 

Sophia mit ihrem Enkel Franz

 

 

 

 

Beim Tod meiner Großmutter (Sophia Thüssing gestorben 1924) da haben sie das so gemacht, weil da auch hauptsächlich wertvolle Bilder und Möbel und so etwas war, das haben sie versteigert, innerhalb der Erbengemeinschaft. Man schätzte so, dass das alles 10.000,- Mark wert war beispielsweise, und wenn ein anderer 12.000,- Mark gab für seinen Teil, dann bekam der, der aufs Geld angewiesen war mehr Geld. Mein Onkel Franz zum Beispiel war sehr reich und andere, mein Onkel Ferdinand der war arm, dann bekam der mehr Bargeld. Also wenn der an nichts Interesse hatte und die anderen ersteigerten alles, dann bekam er das ganze Geld. Das System ist auch nicht so falsch. Man weiß ja nicht, beim Tod kann es ja dem einen sehr gut gehen und der andere braucht dringend mehr Geld und wenn das so versteigert wurde dann bekam der eine mehr Geld. Nur mein Vater der ist schlecht weggekommen der wollte unbedingt das Bild haben. ( H.: „Welches Bild?“) Dieses alte Kruzifix was bei uns im Schlafzimmer hängt, das ist eine Kopie von Van Dycke und das haben die anderen Geschwister so hoch getrieben als sie merkten, dass er das so unbedingt haben wollte. ( H.: “Das ist ja gemein.“) Dadurch hat er verhältnismäßig wenig bekommen, die meisten Bilder hat Onkel Franz ersteigert, dass war der reichste und von Onkel Franz war auch mein Vater gewissermaßen geschäftlich abhängig, weil er die Lederfabrik besaß, von der wir Vertreter waren.

 

 

 

 

 

 

Ich habe diesen Text nach einer Hörkassette geschrieben, die Hildegard aufgenommen hat. Da sie an verschiedenen Tagen Ihren Großvater interviewt hatte, sind einige Themen mehrmals behandelt worden. Ich habe im Prinzip versucht das Interview wörtlich abzuschreiben, aber die Teile welche mir inhaltlich uninteressant erschienen (aktuelle Themen zwischen den Beiden) habe ich weggelassen. Wiederholungen habe ich zum Teil auch weggelassen, wenn mir der Inhalt zwar ähnlich erschien, es aber kleine Ergänzungen gab, habe ich ihn unverändert, dort eingefügt, wo bereits zu diesem Thema gesprochen worden ist.

Katharina Jahn-Busch