Versuch einer Rechtfertigung

 

Der nachfolgende Text stammt aus einer schwarzen Kladde, in der Franz Wieman handschriftlich einiges aus seinem Leben in direkter, -oder auch wie hier- indirekter Rede notiert hat. Ein Datum ist nicht feststellbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mein Herr ,

 

 

nehmen Sie einen Eiskaffee, den es in diesem Kaffee besonders gut gibt. Sie waren wie Sie mir sagten 6 Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Ich war auch in Russland habe aber Glück gehabt. Im August 1942 wurde ich eingezogen. Ich kam zu einer Einheit, die zu einem Drittel aus jungen Burschen 1/3 aus vorher U.K. Gewesenen Leuten und zu einem Drittel aus zum Wehrdienst Beurlaubten aus Gefängnissen bestand. Zu den Letzteren gehörte ich. Sie fragen wie ich in das Gefängnis kam. Nun zur Nazizeit war das leichter. Ich hatte weder gemordet, noch gestohlen sondern nur zu viel Leder verkauft. Ich hatte eine alt eingeführte Firma mit einem treuen Kundenstamm, die ich gemeinsam mit meinem Bruder (Otto-Clemens) führte. Es kamen dann Bestimmungen heraus, dass Leder nur auf Karten und in bestimmten Mengen verkauft werden durfte. Die Zuteilung erfolgte über eine Reichsstelle in Berlin. Diese teilte mir Leder von einer Fabrik in schlechter Qualität zu. Um die Wünsche die aus Vertrauen bei mir eingeschrieben waren nicht zu enttäuschen besorgte ich mir Ware aus dem gerade annektierten Gebiet der Tschechoslowakei und lieferte den Kunden wenn sie einen Schein über 100 kg hatten 110 Kg und ähnlich. Ja mein Herr, heute kann man kaum mehr verstehen, dass dies ein so großes Verbrechen war. Aber je länger der Krieg dauerte, desto schwerer wurden die Strafen. z. B. Hatte ein Mann ein Schwein geschlachtet ohne es zu melden, er wurde dafür geköpft. Alle diese Sachen kamen vor Sondergerichte, die in der Auslegung der Gesetze freie Hand hatten. Bei meinem Prozess, der gegen mich, meinen Bruder und einen Angestellten lief, konnte es 500 DM Geldstrafe, Todesurteil, Zuchthaus oder Gefängnis geben. Ja das waren Zeiten, die wir uns heute kaum mehr vorstellen können. Ich kam zuerst ins Untersuchungsgefängnis. Dort traf ich interessante Leute. Ach wenn es Sie nicht langweilt, will ich Ihnen von diesen erzählen. Um alles zu verstehen müssen Sie wissen, dass damals 2 Gerichtsbarkeiten neben einander herliefen. Einmal die normale Justiz mit sehr strengen scharf ausgelegten Gesetzen und die der SS die vollkommen willkürlich war. Ein cleverer Geschäftsmann, ein Herr Schenzu ?? hatte die SS geärgert, dies seine sehr verwickelten Geschäfte

beanstandete und sie selbst übernehmen wollte. Er war deswegen in Berlin von der SS festgenommen worden. Ein SS Mann sollte ihn zur Vernehmung nach Hamburg bringen. Dieser wusste in Hamburg aber icht Bescheid. Er musste sich von dem Delinquenten führen lassen. Dieser leitete ihn am Abend zum Untersuchungsgefängnis. Dort wurde er eingelassen und festgesetzt. Am anderen Morgen kam der SS Mann und wollte ihn zur Gestapo bringen. Aber die Justiz rückte ihn nicht heraus. Er bekam später einen ordentlichen Prozess und wurde freigesprochen. Bei der SS wäre er in einem KZ gelandet und diese hätte seine Firma übernommen.

 

Sehen Sie mein Herr, in dieser Zeit gab es Nichts Festes. Wenn Urteile zu milde ausfielen, konnten höhere Stellen Gauleiter oder Hitler selbst, diese aufheben.

 

Sehen Sie, heute kann man sich diese Zeiten kaum mehr vorstellen und auch vorher hätte man solche Verhältnisse nicht für möglich gehalten.

Sie wollen gerne mein früheres Leben wissen! Geboren bin ich noch im alten Kaiserreich. Ostern 1914 kam ich zur Schule. Wie 1914 der Krieg ausbrach nahm man dies nicht so ernst. Viele Leute glaubten an einen kurzfristige „Hurra“ Angelegenheit.Zuerst lief im Lande auch alles wie gewohnt weiter. Dann wurde die Versorgung immer schlechter. Mein Vater wurde eingezogen zum Garnisons Dienst. Er war während seiner Dienstzeit in der Jugend Unteroffizier geworden und blieb dies auch während des Krieges. Meine Mutter bekam, weil die Versorgung mit Lebensmitteln immer schlechter wurde, in Hamburg uns nicht mehr satt und zog mit uns nach ihrer Heimat Quakenbrück. Vorher wurden wir (Hilde und Franz) aber allein mit unserem Kinderfräulein nach Bad Rothenfelde geschickt, wo wir eine Zeitlang auch zur Schule gingen.

 

Sie fragen nach meinen Geschwistern?

Ich bin 1908 geboren, im Jahre 1909 bekam ich eine Schwester. Wir beide waren mit dem Kinderfräulein in Rothenfeld. 1917 wurde ein Bruder geboren. Meine Mutter war bis dahin in Hamburg geblieben. Später kam sie mit nach Rothenfelde, wo uns auch mein Vater , wenn er Urlaub hatte, besuchte.

Mein Vater war ein Gesundheitsapostel für Naturheilmittel und ähnliche Sachen. Ziemlich ohne Rücksicht probierte er alles gerne in der Familie und an uns Kindern aus. z.B. fand er es gesund in Holzschuhen zu gehen. Meine Schwester und ich mussten in Holzschuhen zur Schule gehen. Alle Bauernkinder kriegten in der Schule, wenn sie zu Hause barfuß oder mit Holzschuhen liefen, Lederschuhe. Nur wir beide als einzige kamen in Holzschuhen in denen wir nur schlecht und mit Schmerzen gehen konnten und wir schämten uns sehr.

 

Ach Sie wollen mehr über meine Eltern wissen?

 

Mein Vater stammt aus einer alten Osnabrücker Gerberfamilie. Die Gerberei war in alten Zeiten ein Handwerk, dass größere Kapitalien erfordert. Vom Einkauf der Häute bis das geld von den Schuhmachern hereinkam dauerte es 2-3 Jahre. Dies musste alles finanziert werden, daher rechneten sich die Wiemans zum gehobenen Bürgertum. Nach seiner Schulzeit im Gymnasium, dass er mit der mittleren Reife abschloss, konnte er als 1jähriger beim Militär dienen. Volksschüler mussten 2 oder 3 Jahre Soldat sein. Dann war er bei verschiedenen Firmen, in Frankfurt und Sachsen. 1899 machte er sich in Hamburg mit einer Ledergroßhandlung selbstständig. 1906 heiratete er meine Mutter, die aus einer Fabrikantenfamilie in Quakenbrück stammte.

 

Ich soll ein gesundes kräftiges Kind gewesen sein. Ich war das erste. Später bekam ich noch eine Schwester und drei Brüder. Mit 4 oder 5 Jahren bekam ich Scharlach oder wie man damals sagte die Bräune. Von dieser Krankheit habe ich mich fast gar nicht erholen können. Ich blieb meine ganze Jugend ein kränkliches Kind. Später hatte ich dann eine offene Tuberkulose.

Dadurch, dass ich viel weg war, wurde ich in meiner Familie gegenüber meinen Geschwistern die immer zu Hause waren, ein Außenseiter. Wir wohnten in einem kleinen Vorort von Hamburg in einem eigenen Haus mit einem schönen Garten.