Briefe Emil Schade an seine Nichte Mathilde

Friedrich Wilhelm Emil Schade geb. 5 Jul 1857 in Quakenbrück gest. 1943 in Bordeaux

 

mit seinen Kindern

 

Gracieuse Schade und Roger Schade geb. 5. Okt 1895 Bordeaux; gest., Januar 1934

 

 

20.Juli 1921 (Dies Schreiben wurde ins Deutsche übersetzt von Gerd Busch)

 

 

Meine liebe Nichte,

 

ich weiß, daß Du das Französische wie das Deutsche lesen kannst, für mich der ich seit mehr als 45 Jahren in Frankreich bin gibt es Augenblicke, wo mir das französisch zu schreiben leichter fällt (Leichter unter die Feder kommt). Ich gehöre trotzdem nicht zu denen, die ihre Muttersprache verleugnen indem sie vorgeben sie vergessen zu haben. Nein man vergißt nicht seine Muttersprache, man kann gewisse Schwierigkeiten verspüren (empfinden) schnell die richtigen Wörter zu finden, aber man versteht immer seine Sprache selbst wenn man sie 50 Jahre nicht gehört oder gelesen hat. Nachdem das gesagt ist, möchte ich Dir danken für Deinen liebenswürdigen Brief vom 27. Mai, der mich sehr gefreut hat. Deine Mutter hatte mir schon Deine vollständige Heilung angekündigt , ich war darüber sehr glücklich.

 

Du beklagst Dich über die Schwierigkeiten Bedienstete( weibl. Für den Haushalt) zu finden, das ist überall gleich heutzutage. Wir werden’s erleben, daß das Hauspersonal sich einstellen läßt wie die Arbeiter und sich nur noch Acht Stunden arbeiten wird und sich jede zusätzliche Stunde teuer bezahlen läßt. Zusätzlich werden sie abends frei haben wollen und häufig außerhalb des Hauses schlafen wollen. Das erwartet uns , Euch in Deutschland und uns hier und die kinderreichen Familien werden immer seltener werden. Was würden unsere Eltern, Deine Großeltern sagen, wenn sie noch einmal auf die Erde zurückkehren würden? Sie würden sofort wieder in die Ewigkeit zurückkehren.

 

Ich hoffe , daß die Kur von Deinem Mann in Bad Salzufflen ein voller Erfolg war und daß er vollständig gesund zurückgekehrt ist. Ich selbst lasse mich hier seit Beginn des Monats behandeln, ich leide an der Gicht, ich trinke 5 Gläser Wasser und nehme jeden Tag Bäder ½ Stunde lang. Ich werde wohl etwa am 1. August zurück kommen. Die Gegend ist hübsch. Wir sind von schneebedeckten Bergen umgeben. Wir können uns hier nicht über die Hitze beklagen, die besonders in der Ebene drückend ist. Bordeaux! Was ein wenig hart für mich ist, daß der Arzt mir verboten hat Wein zu trinken.

 

Herr Drews hat den großen Fehler begangen, gegen die französischen Gesetze zu verstoßen. Es gab vor dem Krieg viele Deutsche in Bordeaux, die mit Französinnen verheiratet waren und geschäftlich ein gute Position in Frankreich erlangt hatten. Nun, wenn man Familie hat ist es unverzeihlich keine Vorsorgemaßnahme zu treffen. Ich bedaure von Herzen diejenigen und sie sind zahlreich (es gibt viel davon) die wie Herr Drews nach Bordeaux zurückkommen können. Aber sein Leben hier wird nicht mehr angenehm sein, denn die Deutschen werden noch lange von den französischen Familien ausgeschlossen werden. Der Krieg war zu grausam. Kein Handelshaus wird noch in weiter Zukunft einen Deutschen einstellen. Man wird den deutschen Briefwechsel von Schweizern oder Skandinaviern machen lassen.

 

Ich hoffe, daß die Geschäfte bei Euch noch gut laufen. In Bordeaux lassen sie seit einiger Zeit sehr zu wünschen übrig. Es gibt zu viele Länder wie zum Beispiel Amerika die keinen Import unserer Weine mehr zulassen. Wir müssen unsere Absatzmärkte woanders suchen. Glücklicherweise arbeitet unser Haus mit der ganzen Welt zusammen, so daß wir nicht ohne Arbeit sind. Wenn es auf der einen Seite nicht klappt, dann eben auf der anderen. Zu Hause geht es allen gut. Roger wird wahrscheinlich im September Vater, er hat keine Zeit verloren.

 

Adieu meine liebe Thilda. Grüße von mir Deine schönen Kinder, einen freundschaftlichen Gruß auch an Deinen Gatten und sei selbst ganz herzlich umarmt von Deinem Onkel

 

Emilie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bordeaux, 5. Mai 1924

 

Meine liebe Thilda,

 

Deine so liebenswürdigen herzlichen Zeilen vom 24. April sind hier rechtzeitig angekommen. Ich danke Dir vielmals Dich der Mühe unterzogen zu haben, mir so ausführlich zu schreiben, denn ich verstehe sehr wohl, daß Du bei uns zu Hause nicht in Ruhe beim Schreiben bleiben konntest!

 

Mit vielen Bedauern habe ich nun von Dir bestätigt erhalten, was Gerhard kurz vorher mir mitteilte, nämlich, daß Eure liebe Mama seit Weihnachten kränkelte und nicht wieder zu Kräften kommen kann. Zu Ostern habe ich einen längeren Brief von ihr, der ebenso schön geschrieben war wie alle Briefe, die ich von ihr erhalten ; aber sie hatte , wie sie mir mitteilte , mehrere Tage nötig gehabt um ihn zu beendigen. Sie berichtete mir von ihrem Kranksein und hoffte auf Besserung bei Eintreffen des Frühlingswetter; hoffentlich ist in dieser Beziehung seitdem eine Änderung eingetreten, denn gewöhnlich ist doch der Mai ein schöner Monat in Norddeutschland ! - Gar nicht hat ihnen in Hamburg auch , wie mir hier jetzt neue Kartoffeln, Spargel und junge Erbsen geschmeckt .

 

Eurer lieben Mama schreibt mir von Euch allen in gewohnter ausführlicher Weise, erwähnt nebenbei Deinen guten Humor wozu ich Dich und Deine liebe Mama beglückwünsche, und glaubt unsere Zusammenkunft auf etwas später ansetzen zu sollen; sie meint September, und schlägt Luxemburg vor. Aber September scheint mir etwas spät, ich möchte lieber August, Anfang oder Ende des Monats. Wie es ihr respektive Euch am besten paßt - in Vorschlag bringen! Am besten komme ich auf ein paar Tage nach Quakenbrück um Eurer lieben Mama die ermüdende , längere Eisenbahnfahrt zu vermeiden. Aber es scheint mir noch etwas „früh“ und für einen deutschen , der seit beinahe 50 Jahren in Frankreich lebt, und Franzose geworden ist in seine Vaterstadt zurück zu kehren ! Ich hätte letztere noch gerne einmal besucht bevor auch ich die größere Reise antrete.......! Ja , wann nun endlich wieder normale Zustände zwischen Deutschland und Frankreich entstehen, dann könnte ich gewiß nächstes Jahr die Reise riskieren und Eure lieben alle bei Euch, wenn auch nur für 24. Stunden begrüßen! Inzwischen und bis dahin hoffe und wünsche ich von ganzen Herzen Eure liebe Mama vollständig wiederhergestellt zu sehen.

 

Das mein lieber Otto fortwährend leidend ist, bedaure ich aufrichtig. Er muß gewiß sehr vorsichtig sein in seiner Art zu leben und zu arbeiten. Da es sich um ein Herzleiden handelt . Dagegen bin ich erfreut über die guten Nachrichten von Euch die Du mir geben konntest über Deinen Sohn Franz; Ich gratuliere ihm und Euch allen eine so interessante Karriere gefunden zu haben, welche ihm gestattet den ganzen Tag an der frischen Luft zu arbeiten!

 

Von uns berichte ich wenig Interessantes : Die arme Doris muß wieder in ein Solbad, ihres ..... wegen, ich kenne den deutschen Namen nicht. Sie muß 25 Salzbäder nehmen die sie sehr angreifen. Das ist nun das fünfte Mal, daß sie diese Bäder nimmt. Nähme sie nicht, wäre eine Operation nötig, deren Ausgang immerhin fraglich !!!!!

Gracieuse und den anderen Kindern geht’s Gott sei Dank , unberufen gut !

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Mit herzlichen Grüßen von uns allen hier für Euch lieben aller Orts, in inniger Liebe

 

Dein Onkel Emil

 

Emil = Onkel von Thilda = Bruder ihrer Mutter

Gerhardt = ??????

Otto = Otto Wieman

Thilda = Frau von Otto

Doris = Doris Schade älteste Tochter von Emil ?

Gracieuse = Gracieuse Schade

Franz = Franz Wieman = ältester Sohn von Otto und Thilda