Brief von 1848

Brief von Gretchen Huberti

 

 

 

Trier den 26. Oktober 1848

 

 

Theuerster Freund!

 

Endlich! ging die tagtägliche Hoffnung in Erfüllung, und gerade in einem günstigen Augenblicke , wo die Langeweile mich marttet (martert) und ich glaubte von allen Freunden - - vergessen zu sein erhielt ich gerade zu der Stunde (8 Uhr) wo ich früher das Vergnügen hatte Sie zu sehen, Ihren werthen Brief, aus dem ich nun mit vieler Freude wahrnahm , daß Sie sich wohl befinden und im Kreise der Ihrigen sich glücklich fühlen und noch an Trier denken.

 

Da ich nun weiß, daß Trier Sie noch immer interessiert und ich Ihnen versprochen habe die Neuigkeiten ferner mitzuteilen , so will ich dieses, soweit es jetzt mein schwaches Gedächtniß erlaubt., vorn herein bitte ich aber um Nachsicht, denn Sie können sich keinen Begriff machen, von meiner jetzigen Laune, ich bin nicht mehr die Gretchen, die ich früher war. - Mein Lachen ist in Schnupfen verwandelt, meine Munterkeit in Trauer, kurtz es hat sich alles bei mir geändert, auch für Paris bin mehr erkältert. -

 

Am 1sten Mai tobte in unseren Mauern vom frühen Morgen bis zum späten Abend der große Wahlkampf.. Die Gegner waren groß und an einen solchen Sieg , wie sie ihn errungen haben , dachte ich nicht., denn bei den 33 Wahlen blieb das Volk Sieger. (Das nennt man eine Schlacht) Der Jubel war groß, und Simon wurde einstimmig gewählt, und die Ruhe und Ordnung wurde in der Stadt nicht gestört, blos in der Reitbahn zu Maximin , wo der Gerber Gustav Heis von den Gemeinen Soldaten gewählt wurde, und nachher von den Ulanenunteroffizieren gemißhandelt und aus dem Local der Wahl gedrängt hatten , von ......... gemeinen Soldaten im Triumphe wieder zurückgetragen. Dagegen verbreitete sich am 2ten , daß Gerücht , daß 7 oder 8 Soldaten, die den Heis zurückgebracht hätten in Arrest seien ( was denn doch die ein......lich Ursache nicht war) und brachte im Volk die größte Aufregung und man sagte einstimmig die Unschuldigen müssen befreit werden, und so zog sich an diesem Abend eine große Menschenmasse in die Gegend des Militär - Arresthaus . Dasselbe wurde stark besetzt und das Resultat war ,daß zwei junge Leute getödtet und einer tödtlich verwundet wurde, es soll wiederum ohne Kommando geschossenworden sein. Auch an demselben Abend ist durch Unvorsichtigkeit eines Bürgers den Schiffer Scheid Vater von 7 Kindern getötet worden. Nun kam noch dazu, das an demselben Abend die 26er aus Magdeburg einrückten, ohne das jemand wußte, warum sie kamen und man nicht traute ihnen von vornherein und (als echte Preußen ) ihnen wurde Übles von uns erzählt. Die 26er gingen in Wirtshäuser, die Bürger schwadronierten mehr wie früher und man erzählte die 26er sollten den 30er die Kokarde abgerissen haben, diese Dinge wurden gleich in Folge herum getragen und das Volk glaubte sich verraten und gemordet, das schrie einer dem anderen zu und die Losung war: die Sechsundzwanziger müssen die Stadt verlassen“ Für die Bürgergarde wurde Generalmarsch geschlagen man suchte sich zu bewaffnen. Barricaden wurden gebaut (man zählte 133 Barricaden) und läutete Sturm. Die Aufregung hatte keine Grenzen. Die Läden wurden geschlossen. Todesschrecken für Frauen und Kinder. Am anderen Morgen früh, während der Nacht wurden die Barricaden verstärkt und neue errichtet. Des Nachmittags wollten einige Leute am Mu...thor eine Barricade errichten und so die Mayimminier von der Palaß-Kaserne abschneiden; die wachhabenden Dreißiger verboten es ihnen und baten sich zu entfernen, sie thaten es nicht, man trat unter Gewehr, die meisten fliehten und es wurde zum dritten Mal getrommelt und die Folge war, daß einige von ihnen schwer verwundet wurden. In der Nacht hieß es sogleich, die 26er hätten einige Bürger umgebracht. - Wiederum Sturm , und die höchste Aufregung, es war eine schauderhafte Zeit für die ohne den wahren Grund zu kennen, das Heulen der Glocken , das herzzerreißende Schlagen des Zindals (Feuerklock) das Geschrei der Menschen hörten, und die größte Gefahr sahen. Die Barricaden wurden alle besetzt. Die Stadtbehörden unterließen nichts um bei der Militärbehörde Beruhigung für die Stadt zu erwirken und so blieb diese Spannung bis den anderen Tag. Die Bürger sahen ein, daß die Barricaden keinen politischen Grund hatten und den Verkehr der Stadt hemmten und nach einer Aufforderung des General von Schreckenstein sind sie am 4ten des nachmittags in den Staub gesunken. Nun sind ernstliche Untersuchungen eingeleitet worden, dieses mitzuteilen würde Sie langweilen, weil Sie aber doch einige kennen will ich sie Ihnen namhaft machen. Inhaftierte : 1. Anderais Tondl (unser Prinz) 2. S. Tond (der Wirth in Matheis) 3. C. Lawene´ Schloßer, 4. Imane Student 5. Die beiden Brüder Konz vor dem Neuthor (Gerber) 7. Klepper (Sattler) 8. Müller Schreiber und 9. H......i nun sind aber doch 18 Leute, die von der geringeren Klasse, die Sie nicht kennen, alle befinden sich im hiesigen Arresthaus. Morgen fangen die Assisen an und mein Vater kömmt am 7ten vor, weil er als Aufreizer beschuldigt ist, dieser Tag steht vor mir wie ein Gespenst welches mich überall verfolgt, ich werde ihn bekleiden und der ganzen Sitzung beiwohnen, ich schreibe Ihnen diesen Brief vorher , weil ich nicht weiß, wie später meine Launen sein werden, ob das Unglück uns noch fernerhin verfolgen wird.

Bis hierhin schließend ich und werde es fortführen nach dem ersten Augenblick der Entscheidung----------------

 

Freuen Sie sich mit mir, mein Vater ist auf seinem Namenstag den 11ten November freigesprochen .

 

Adieu mein Bester, leben Sie wohl und vergnügt und mögten Sie nie einen solchen Kummer fühlen wie den meinigen, den ich jetzt durchgemacht, was ich nie glaubte zu erleben, die häuslichen Sorgen schenkten mir nicht viele müßige Stunden um mich länger mit Ihnen zu unterhalten, auch ich weiß , daß es bei Ihnen der Fall sein wird und ich bin zufrieden wenn Sie mal alle 3 Monate etwas von sich hören lassen. Grüßen Sie mir unbekannterweise Ihre lieben Eltern und Geschwister.

 

Es grüßt Sie freundschaftslichst Ihre Freundin

 

Gretchen Huberti

 

 

 

 

 

 

 

Briefe vom schlimmsten Punkt der Provinz

 

 

Dienstag, 03. April 2007

 

 

 

Trier im 19. Jahrhundert – oft wird die Stadt in dieser Zeitspanne mit einem sehr beschaulichen, recht gemütlichen, von den großen Ereignisse der Geschichte unberührten Ort gleichgesetzt. Aber dieses Bild trifft nicht zu. Im Gegenteil: Trier war vor fast 160 Jahren, in den Revolutionsjahren 1848 und 1849, eine Hochburg der „Radikalen“. Nur zwölf Tage nach dem Ausbruch der Revolution in Frankreich verabschiedete der Trierer Stadtrat eine Petition mit Reformforderungen an den preußischen König (Trier war seit 1815 eine preußische Stadt und gehörte wie Aachen, Bonn, Köln, Düsseldorf oder Koblenz verwaltungsmäßig zur Rheinprovinz). Nach Volksversammlungen und Straßenumzügen begann die Bevölkerung am 21. März die Mahl- und Schlachtsteuer, die an den Stadttoren auf Fleisch und Getreide erhoben wurde, zu verweigern. Vom 2. bis 4. Mai kam es zu Unruhen in Trier, nach Schusswechseln und dem Tod von zwei Bürgern wurden mehr als 100 Barrikaden in der ganzen Stadt gebaut. Auf der Gangolfskirche wehte als Zeichen des Aufruhrs eine rote Fahne. Die Kölnische Zeitung schrieb Ende März von einer „trier’schen Schreckensherrschaft“. Für den preußischen Oberpräsidenten stand fest: „Trier ist der schlimmste Punkt in der Provinz!“

Anrührende Zeitzeugnisse

Die Revolution in Trier ist historisch schon gut erforscht und dokumentiert. Doch seit letzter Woche verfügt das Archiv der Trierer Stadtbibliothek über neue, äußerst anschauliche und menschlich anrührende Zeugnisse aus dem revolutionären Trier. Gretchen Huberti, eine junge Frau aus dem Gerbermilieu hat am 26. Oktober einen Brief an den Lohgerber Franz Wieman geschrieben. Sie schildert dem Wandergesellen, der wohl noch vor wenigen Monaten bei ihrer Familie gewohnt hatte, die sich überstürzenden Ereignisse in Trier aus ihrer ganz persönlichen Sicht. Die Anrede und die zarten Andeutungen des im formvollendeten Hochdeutsch mit gestochener Handschrift verfassten Briefs („Theuerster Freund! Endlich! ging die tagtägliche Hoffnung in Erfüllung, und gerade...wo ... ich glaubte von allen Freunden vergessen zu sein, erhielt ich ...Ihren werthen Brief...“) lassen die Vermutung zu, dass Gretchen an den Adressaten ihr Herz verloren hat.

).

Sie beschreibt die Unruhen Anfang Mai 1848 in Trier sehr plastisch: „...und das Resultat war, daß zwei junge Leute getödtet und einer tödtlich verwundet wurde, es soll wiederum ohne Kommando geschossen worden sein... Für die Bürgergarde wurde Generalmarsch geschlagen man suchte sich zu bewaffnen. Barricaden wurden gebaut (man zählte 133 Barricaden) und läutete Sturm...Todesschrecken für Frauen und Kinder.“

Geschwister Wieman schenken

Vier Nachfahren von Franz Wieman haben im Nachlass ihrer Mutter in einem kleinen Dokumentenkoffer die Briefe an ihren Urgroßvater gefunden. Über die Internetsuchmaschine „Google“ sind sie auf die Trierer Historikerin Professor Dr. Gabriele Clemens aufmerksam geworden, die über die entsprechende Epoche kontinuierlich forscht und veröffentlicht. Über deren Kontakte zur Stadtbibliothek sind die Zeitdokumente jetzt im Trierer Archiv gelandet und dankbar entgegengenommen worden. Professor Clemens wird die Briefe analysieren und die Ergebnisse im Neuen Trierischen Jahrbuch veröffentlichen.

 

aus: http://www.trier.de/

 

 

 

 

Foto: Professor Dr. Gunther Franz übernimmt den Dokumentenkoffer mit den Briefen im Beisein von

Monica Hermann, geb. Wieman, Bernhard Wieman, Franz Wieman, Professorin Dr. Gabriele Clemens und Katharina Jahn-Busch, geb. Wieman (v.l.n.r.).