Stavenhagen

Das Anklamer Geschlecht der Stavenhagen

Rektor F. Hayn, Anklam 1934

 

Vom Ursprung der Stavenhagen

 

In einer kleinen Schrift: „ Die Anklamer Familie Stavenhagen“, erschienen 1876 bei Georg Reimer, Berlin, sagt der Verfasser Joachim Stavenhagen, Anklam, in seinem Vorwort, geschrieben im Dezember 1863, folgendes über den Ursprung seiner Familie aus:

„ Vor einigen Jahrhunderten lebte in Mecklenburg ein vornehmer Ritter Stavenhagen (nicht Staffenhagen oder Steffenhagen) auf seinen Gütern. Ein Bauern-Aufstand gegen den Herzog, an dessen Spitze er sich stellte, zog die Reichsacht auf ihn; er und die Seinigen wurden getötet und die Güther vom Herzog eingezogen. Dieses ist geschichtlich.

Ein kleiner Sohn dieses Ritters aber war nach der Görkeburg, (eine kleine halbe Meile von Anclam ) gerettet, wurde daselbst erzogen und kam später nach Anclam. Dies ist der Stammvater der Familie Stavenhagen. Die Papiere darüber waren im Anclamer Archiv. Herr J.H. Stavenhagen und der Senator J.M. Stavenhagen haben sie in den 1780er Jahren noch in den Händen gehabt; wie sie aber nach den Unruhen 1848 gesucht wurden , waren sie nicht mehr zu finden. Nicol. Stav. kommt 1518 in den Anclamer Archiv vor, 1550 wird Steffen Stav. Bürger von Anklam -- 1570 Martin Brauer und Börsen Altermann – so setzt sich die Familie fort, bis 1676 Christoph als Bürger, Brauer und Kaufmann aufgeführt wird, dessen Nachkommen sich sowohl in Anclam als auch in Curland sehr vermehrten.“

 

Diese Lesart wird in der Familie treu bewahrt. Es galt dazu kritisch Stellung zu nehmen. Zunächst ist eine Angabe über Nikolaus 1518 im ältesten Stadtbuch, das von 14o3 – 1536 reicht und von dem hiesigen Prof. Dr. Brunier in jahrelanger schwieriger Arbeit übersetzt wurde , n i c h t zu finden. Es erscheint nur Anno 1405 ein Presbyter Bartholomäus Stavenhagen, durch dessen Vermittlung unsere Stadt eine Summe Geldes geliehen erhält. Etwa zur gleichen Zeit, für 1438, ist in Güstrow gleichfalls eine bürgerliche Familie St. bezeugt. Ihr Mitglied Jacob nimmt an dem Hanseschen Städtetag als Abgeordneter teil.

 

1550 erscheint dann Steffen St. als Bürger Anclams , ebenso 1552 in dem Archiv für St. Nicolai Anna, die Mathias Puell heiratet. In der Liste der Konfirmierten finden wir um die Jahrhundertwende mehrmals den Namen der Familie , nämlich 1599 Grete, 1604 Modesta und 1635 Maria. Leider fehlen nähere Angaben über ihre Eltern. Dann steigert sich noch das Vorkommen der Stavenhagen; doch haben wir nach 1600 sowieso festen geschichtlichen Grund unter den Füßen. Merkwürdigerweise ist unter den 1565 an der Pest Verstorbenen kein Angehöriger der St. zu finden, obwohl das Register doch rund 1600 Namen nachweist. Die Familie kann also, selbst unter der Annahme, im Register fehlen einige Seiten, volle 50 Jahre nach ihrem angeblichen Zuzug, nicht stark gewesen sein. Berücksichtigen wir die damalige Kinderzahl für zwei Geschlechterfolgen, wird dieser Umstand noch eigenartiger. Die nachweisbaren ersten Stavenhagen gibt untenstehende Tafel.

 

Um 1590 weilt vorübergehend in Anklam Michael Stavenhagen, der aus C a m i n stammt, später Bürgermeister in Treptow a. Rega wird, 1583 Elisabeth von Versen ehelicht und 1603 während eines Besuches in seiner Vaterstadt stirbt. Seine Eltern sind der Camminer Bürgermeister Thomas St. (Haus 165) und dessen 2. Ehefrau Gertrud Wachtschild. Diese Familie Stavenhagen setzt um 1480 mit dem Ahnherrn Tonnies (Haus 44 a. b.) dort ein. Da die Taube als Sippenzeichen der St. bei Michael zuerst nachgewiesen wurde, kann man der Vermutung Raum geben, dass ihm verwandtschaftliche Bande nach Anklam führten. Vielleicht ergeben spätere genaue Forschungen Cammin als den eigentlichen Ursprungsort unserer Anklamer Patrizier!

 

Woher einmal die Jahre 1501 und 1518 für Nikolaus, die in Stammtafeln der Familie erscheinen, erschlossen wurden, ist unbekannt und wird es voraussichtlich immer bleiben. Ob überhaupt 1780 die erwähnten Papiere wirklich vorhanden waren oder der Schreiber Joachim nicht einem Irrtum der mündlichen Weitergabe unterlag, sei dahin gestellt. Stellte man früher eine Familien- und auch eine Stadtchronik auf, so verfuhr man für unsere Begriffe ziemlich unkritisch und füllte besonders die Zeit vor dem Einsetzen stichfester Quellen mit Vermutungen oder Gerüchten aus, die die Nachfahren für bare Münze nahmen! Die angegebene ritterliche Herkunft kann umso mehr angezweifelt werden , als 1405 und 1438 in Anclam und in der Nähe bereits bürgerliche Namensträger erscheinen. Bejahend fällt nach dem angeblichen Verlust von Quellen lediglich der Umstand ins Gewicht, daß die Stavenhagen Gewandschneider (Tuchkaufleute) sind, also patrizische Bürger, die nicht den Zünften angehörten und sehr oft ritterbürtige Mitglieder in ihren Reihen haben. Ich neige zu der Annahme, es handelt sich um eine schöne, aber nicht haltbare Überlieferung, die zudem heute, wo nicht der Name, sondern das tüchtige Blut, das die Stavenhagen unzweifelhaft in hohem Maße besitzen, den Vorrang einnimmt, ohne Wehmut fallengelassen werden kann. Es sei denn, irgendwo tauchen einmal schlüssige Beweise auf!

 

 

 

Name und Wappen

 

Zu dieser Auffassung berechtigt auch eine Betrachtung des Namens. Wir haben, besonders an der Endung erkenntlich einen Ortsnamen vor uns. Hagen= ahd. hagan, ist eine ndsächs. Form und bedeutet soviel wie Dornstrauch, Hecke, umfriedeter Weideplatz im Walde, Weidebezirk, schließlich Hof. Staven = Kurzform von Stephan, griech. Stephanus = der Kranz. Diese Kurzform, die im Zuge des Christentums nach 800 in unseren Sprachbereich eindrang, verband sich mit der alten, heidnischen Bezeichnung hagen zu einem Namen , den in unserer nächsten Nähe eine mecklenburgische Stadt trägt.

 

Stavenhagen heißt also Stephanshagen. Wir würden heute etwas Stephanshof, Stephanswalde sagen und damit wie schon vor 700 Jahren eine Siedlung meinen, die ein gewisser Stephan anlegte und nach sich benannte. Ein Lokator Staven kam nach 1250 aus Westelbien, ritt gen Ostland und erwarb Boden für das Deutschtum. Die Stadt Stavenhagen wird auf zwei Ritter, Reinbert und Raven von Stove , zurückgeführt. Formen wie Stoven, Staven, Staffen und Steffen sind sicher zeitlich nacheinender vorgekommen. Deshalb ist auch die im Druck 1876 erwähnte Einschränkung „ nicht Staffenhagen oder Steffenhagen“ abzuweisen. Die Schreibweise ist vergänglich. Eine bürgerliche Familie Stoven erscheint übrigens um 1600 ebenfalls in unseren Kirchenbüchern.

 

Wer nun Stavenhagen heißt, kann nun ebenso aus dem Geschlecht derer von Stavenhagen stammen wie auch einer sein, der aus der Stadt gleichen Namens zuzog und in der Fremde, genau wie heute noch, zur Unterscheidung eben der „Stavenhagener“ genannt wurde. Diese Herkunftsbezeichnung wurde dann, als die große Zahl der Bürger in einer Stadt und die Privilegiertenwirtschaft des späten Mittelalters die Notwendigkeit eines zweiten Namens neben dem Personennamen (Vornamen) erhärtete, zum festen Geschlechter- oder Familiennamen. Ich nehme den 2. Fall an; denn urkundlich kommt in der Stadt Stavenhagen das Rittergeschlecht gleichen Namens schon um 1400 nicht mehr vor. Außerdem wissen auch die Akten der Stadt, allerdings durch Brände lückenhaft, besonders aber das Mecklenburgische Staatsarchiv in Schwerin nichts von dem überlieferten Vorgang, weder von einer Ritterfamilie Stavenhagen, die noch um 1500 auf Stavenhagen saß, noch von einem Bauernaufstand!

 

Auch der Wappenvergleich hilft uns nicht weiter. Die Taube auf dem Nest, im Zeichen der Stadt nicht enthalten, erscheint als Sippenzeichen 1583. Dieses wird Michael St. später Bürgermeister in Treptow a. Rega, zugeschrieben. Seit 1760 erscheint der Vogel nur als Helmzier. Auf dem Schild sehen wir ein Herz mit drei heraussprießenden Rosen. Dieses erweiterte Wappen, in Zinn ausgeführt, schmückt den Sarg der Margarete Elisabeth Stavenhagen, geb. Kahten, der in der Erbgruft von St. Marien im Mai 1934 vorgefunden wurde. Sie starb 1789. Aus dergleichen Zeit ist das erwähnte Sippenzeichen für die „angesehene Hamburger Kaufmannsfamilie Stavenhagen“ (Siebmacher, Bd. 3, St. 33) auch aus Hamburg bezeugt. Jedenfalls geht das Auftauchen des Herzens auf in der Helmzier und das der drei Rosen auf die Vereinigung des ursprünglichen Wappens der Familie mit dem einer Stammmutter zurück, nämlich bei der 1756 erfolgten Heirat Stavenhagen-v.Scheven (III. D. Nachfahrentafel). Das Wappen des preuß. von Scheven um diese Zeit zeigt oben 2 Rosen, unten 3 Eichenstiele, von denen die beiden links und rechts auswärts geneigt sind. Die ähnlichen Grundzüge beider Sippenzeichen springen in die Augen . Deshalb zeigt auch das Wappen der St. nicht den bürgerlichen Stechhelm. In die Ostseeprovinzen wird das Wappen durch die jüngere Kurländer Linie gelangt sein. Es hängt noch heute in der Kirche zu Mitau.

 

Die nachweisbare Verzweigung des Geschlechtes setzt mit Christopher, * am 16.11.1645 ein. Er erscheint 1680 in den Rechnungsnachweisen der hiesigen Gewandschneider, da er beim Hauskauf von Ewald Köppen eine Grundschuld der erwähnten Brüderschaft von 100 Rthlr. übernimmt. Die Familie umfaßt schon mehrere selbstständige Zweige. Der Bruder Dietrich war Zöllner auf der Fähre eine anderer, Christian, + 1659, wurde Tischler . Er vererbt das Handwerk in seiner Blutslinie weiter. Ein Nachkomme wird vereinzelt 1734 in den schon oben erwähnten Rechnungen nachgewiesen. Dieser repariert das Gewandschneidergestühl in St. Marien und St, Nikolai und stellt neue Nummernschilder her.

 

 

 

 

 

 

Vom Familienschicksal

 

Die Stavenhagen waren echte Patrizier. Wir finden sie durch der Jahrhunderte Strom bis heute, in familiengeschichtlicher Beziehung eine Seltenheit, überall in gehobenen Berufen, hervorstechenden Ämtern und in leidlichen bis sehr guten Vermögensverhältnissen. In Anklam erscheinen sie als Gewandschneider, Krämer (Kaufleute), Gewürz= und Tabakhändler, wechseln auch bald in akademische Berufe wie Pastoren und Juristen über. Daß sie viel Ehrenämter in der Stadtgemeinde erhielten als Ratsherren, Senatoren, Provisoren der Kirchen. Ältermänner der Bruderschaften und Zünfte erscheinen, sowie ihre Ehefrauen aus angesehenen Häusern, zum Teil adeligen Geschlechtern nahmen, nimmt demnach nicht Wunder. Von ihrer geistigen Beweglichkeit, gefördert durch den Beruf, legen viele Reisen in ferne Länder Zeugnis ab. Schon um 1710 reist ein C h r i s t o p h nach Indien. Andererseits brachte es der durchweg zu beobachtende Wandertrieb der Familie auch mit sich, dass bald Zweige drau0en ansässig wurden, heimische Volkskraft fremden Land zugute kommen ließen und überall ausländische Triebe am Anklamer Trieb sprossten. Die Familiengeschichte ist auch kulturgeschichtlich durch Einblick in damalige Sitte und Handelsbräuche aufschlussreich.

 

Durch Dietrich * 21.11.1680 (Nachfahrentafel 1.) spaltet sich früh die ältere Kurländer Linie ab. Drei Geschlechterfolgen sind im Druck gegeben. In der 4. begegnen wir den Nachkommen als Fabrikdirektoren , Akademikern und sehr viel Apothekern in Moskau und verschiedenen Teilen des weiten Russlands, zugleich durch weibliche Sippenmitglieder mit einheimischen Offiziers- und Beamtenkreisen verschwägert. Sie sind bis zum schwarzen Meer verstreut.

 

 

Einige Male heißt es auch in Russland verschollen. Nur ein Zweig, die Petersburger Linie, abgetrennt durch Johann Wilhelm (I B. 1) hält sozial nicht die gleiche Höhe und sitzt als Schuhmacher, Schneider und Wagenbauer in der Hauptstadt. 1800 geht ein Zweig nach London um 1860 zwei nach New York.

 

Außerdem unterscheiden wir noch eine jüngere Kurländer Linie. Sie hat als Stammvater Johann Gottfried (1729 – 1804) den Bruder unseres Chronisten. Er kam jung infolge der Libauer Verwandtschaft zur Firma haring, in die Lehre und blieb im Ausland hängen. Bekannt wurde aus dieser Linie der Maler, Landmesser und Bildhauer Wilhelm Siegfried Stavenhagen * 27. 09. 1814 in Goldingen, +08.01.1881 in Mitau. 1834 besuchte er die Petersburger Akademie, wirkte vorübergehend in Frankfurt am Main und schuf in der Zeit des Krimkrieges seine 1866 als Stahlstiche erschienen Bleistiftzeichnungen zum „Album baltischer Ansichten“. Er ist ein Sohn von III E. 10 und heiratet Anna v. Bordelius. (Westermanns Monatshefte, Juni 1918). Die Verzweigung dieser Linie aus den Ostseeprovinzen bis nach Charkow ist eine außerordentlich große.

 

Die Anklamer Linien gehen aus der nachgefügten Nachfahrentafel hervor. Hervorstechende Mitglieder der Zeit um 1730 nennt namentlich der Stadtchronist Carl Friedrich Stavenhagen 1773 in der Subskribentenliste seines Werkes. Ich zähle sie auf und füge Nachrichten aus anderen Quellen hinzu.

 

1. Diedrich, Kaufmann und Altermann. Er besitzt Wördeland am Bargischower Weg, 1756 1762 zeigen ihn Rechnungen als Mieter des Gewandschneidergestühls St. Marien.

 

2. Diedrich der Jüngere. Er war Handelsbeflissener in Amsterdam und stirbt hier zusammen mit seiner Frau Charlotte Otto 1808 an einer Epidemie. Ein direkter Nachkomme ist der 1859 geborene Hauptmann und Militärschriftsteller Willibald Friedrich Stavenhagen in Berlin.

 

3. Gottfried Nikolaus, dessen Grab unter den gefundenen ist. Die Inschrift nennt den Ring seiner Jahre: 19.10.1747 – 22.06.1799. Kaufmann, erscheint 1786 – 87 als König der Schützenkompagnie I. Standes. Kaufleute.

 

 

4. Joachim , Bürger und Brauer, Ratsbeflissener und Senator. 1773 gibt er als Schützenkönig in der Kompagnie II Standes (Handwerker) den Königsschuß für Prinz Friedrich Wilhelm v. Preußen, den späteren König Friedrich Wilhelm II, ab.

 

 

5. Johann Christoph, * 1730. Königlicher Kommerzienrat in Anklam , verheiratet mit G. Rohde aus einem ebenfalls bekannten Geschlecht der Stadt.

 

6. Lorenz, hiesiger Kaufmann, +1808, dessen Nachkommenschaft nur eine Tochter umfasst.

 

7. Johann Michal, Senator, 1758 –1807. Er ist der Bruder von Nr. 3. Auch seine Grabstätte wurde am 25. Mai 1935 gefunden.

 

Am bekanntesten wird für unsere Stadt der Anklamer Chronist Carl Friedrich Stavenhagen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Er wurde am 04.10.1723 als Sohn des Kaufmannes Gottfried St. und der Regina Omichen geboren, studierte bis 1746 in Halle, reist 1748 zur Verwandtschaft nach Kurland, wo er Erzieher der Söhne des Kanzlers Graf v. Kaiserlingk war, nahm 1754 die Stelle des Anklamer Stadtsekretärs an und rückte 1777 zum Syndikus auf. 1773 erscheint in Greifswald seine „Beschreibung der Pommerschen Kaufs= und Handelsstadt Anklam“. Er ehelicht am 06.10.1756 Charoline Sophia von Scheven, ebenfalls einer hiesigen Gewandschneiderfamilie entstammend, und stirbt am 26.09. 1781. Seine Frau überlebt ihn um lange Jahre und folgt ihm erst 1812 in die Ewigkeit. Die Geschichte seiner Brautwerbung behandelt in dichterisch freier Form in einem viel gelesenen Unterhaltungsbuch einer der Nachkommen, Konrad Maß, betitelt: „Das Haus Stavenhagen“. (Saunier, Stettin 1902).Das Handexemplar der Chronik Carl Friedrichs, später mit vielen handschriftlichen Nachträgen von ihm versehen, von denen unser Druck einen über ihn selbst zeigt, ist im Heimatmuseum unserer Stadt in der Leipziger Allee einzusehen. Es wurde um 1850 herum von einem Amtsnachfolger, dem Stadtsyndikus Holm , auf einer Auktion erworben und testamentarisch von dessen Witwe einem Urenkel des Chronisten, dem Amtsgerichtsrat Richard Maß, in Anklam, Gutsherr von Lüskow und Butzow, vermacht. dessen ältester Sohn Konrad, Oberbürgermeister, schenkte es 1918 dem Heimatmuseum. Auch Bücher haben ihre Geschichte.

 

Hier seien einige Nachrichten über die Familie von Scheven eingeschoben. Sie geht mit den Stavenhagen mehrmals eheliche Verbindungen ein.

 

Die v. (van) Scheven kamen aus der Grafschaft Mark. ihr Stammsitz ist Sprockhövel. (Vergl. C.v.Scheven. „Urkunden, Regesten und kurzgefasste Familiengeschichte derer von Scheven“, Verlag Starke, Görlitz 1913). Über Rostock wandern sie um 1650 nach Anklam ein. Johann erscheint schon 1648 als Ratsherr und Kammerer, von Beruf Gewandschneider. Es gefiel ihm an der Peene so gut, dass er unmittelbar aus Sprockhövel Verwandte nachkommen ließ, so Bernhard Wennemar v.Scheven der Anna Sophie Diennies ehelicht und die Häuser Keilstraße 139 und Enge Wollweberstraße 240 besitzt. Die Eltern der Caroline Stavenhagen geb. von Scheven, waren bisher nicht festgestellt oder in allen mir zu Gesicht kommenden Drucken und Aufzeichnungen falsch angegeben. Durch Suchen in den Begleitakten der hiesigen alten Grundbücher löste ich die Frage. Ihr Vater ist Jürgen, * 1685, +23.03.1780 in Anklam. Er besaß das Haus Peenstr. 329. Er heiratete am 23.10.1729 seine 1. Frau Eleonore Granzow, des Ernst Friedrich Granzow mittlere Tochter, am 12. 9. 1742 seine 2. Frau Ilsabe Dorothea Krause, die Tochter des verstorbenen hiesigen Bürgermeisters Matthias Krause. Aus seiner ersten Ehe stammen die beiden ihn überlebenden Kinder, nämlich Ernst Friedrich, * 04.11.1732 und Sophie Caroline, * 31.01.1739.

 

 

 

 

Carolina Sophie von Scheven

1739 - 1812

 

 

 

Von dem Bruder Ernst Friedrich, der als Bankier und Particulier in Hamburg stirbt, stammt ein riesiges Vermögen. Wir hören darüber durch eine Verfügung des Königs Friedrich Wilhelm III., gegeben Charlottenburg, den 13., 08. 1798. „Auf die Bitte der Witwe des Syndicus Stavenhagen zu Anclam, dass sie von ihrem Bruder in Hamburg ererbtes vermögen in meine Staaten ziehen will, wenn ihr die Erlaubnis zum Ankauf adeliger Güter ertheilt wird, und dieses unter den angegebenen Umständen billig , zugleich auch für den Staat vorteilhaft ist, will ich es zugeben, dass dieselbe für 4 bis 500 000 Rthlr. Güter in Meinen Staaten kaufen kann“. Zugleich sollen ihre Kinder und Nachkommen auf ihrem neuen Besitz aller Vorteile sonstiger adliger Besitzer teilhaftig werden.

 

Rechnet man die Kaufkraft des damaligen Geldes mit, so ergibt sich alleine für die Erlaubnis eine Summe von rund 5 Millionen RM. Die Ueberlieferung erzählt, dass die harten Taler wagenweise nach Anklam gebracht wurden, begleitet von Husaren! Im Laufe der Zeit wurden durch die Witwe des Syndicus oder durch ihre Nachkommen und Schwiegersöhne, die Krause, Kolbe und Maß, folgende Güter angekauft: Tenzerow, Sternfeld, Hohen=Mockern, Pritzlow; Wietstock, Blesewitz, Rossin, Charlottenhof und Lüskow.

 

Wir verstehen, warum Jürgen von Sch. in seinem Testament vom 21.03.1773 von seinem Sohne sagt: „ Den der gütige Gott mit zeitlichen Güthern also reichlich gesegnet“.

 

 

Die Denkschrift von 1849

(Gekürzt)

 

Gefunden am 26. Oktober 1934 bei der Räumung der Stavenhagen-Gruft in St. Marien zu Anklam und Umbettung der Särge.

 

Denkschrift für meine lieben Nachkommen von der Stavenhagenschen Familie .

 

Nachdem unterm 30. Oktober 1753 zwischen meiner Elter Mutter der seeligen verwittweten Kaufmann Joachim Stavenhagen und deren beiden Söhnen, als meinem Großvater dem Kaufmann Diederich Stavenhagen und dem Großonkel, dem Senator Joachim Stavenhagen einer Seits und der Kirchenbehörde anderer Seits ein Contrakt wegen Erwerbung eines Platzes in der Marienkirche hierselbst abgeschlossen worden, ist von Erstgenannten drei Contrahenten in der gedachten Kirche auf ihre Kosten ein Gewölbe zur Beisetzung der Leichen unserer verstorbenen Familienmitglieder, sodann oberhalb des Gewölbes ein Gestühl erbaut worden. In diesem Gewölbe ist die letzte Leiche und zwar die des Johann Michael Stavenhagen, Senator bei dem hiesigen Magistrats Collegio, im Jahre 1807 beigesetzt worden und seit dieser zeit das Gewölbe verschlossen geblieben.

Als nun im Jahre 1849 die St. Marienkirche einen Umbau erlitt, und man eifrig bemüht war, die alten Gräber so wie auch einige der in der Kirche befindlichen Gewölbe zu verschütten, wollte man dies auch bei unserem Gewölbe ausführen, wobey sich insbesondere der zeitige Kirchenprovisor Herr Kaufmann Merseburg tätig und wichtig machte. Auf unser gutes und wohlerworbenes Recht gestützt , was sich auf den vorerwähnten Contrakt gründet, in dem es dort § 4 heißt:

„Das der Stavenhagenschen Familie, solange sie besteht, das Recht an dem Gewölbe und dem oberhalb desselben befindlichen Gestühls unverkürzet verbleibt: nach dem gänzlichen Aussterben derselben aber dennoch funfzig (50) Jahre verschlossen bleiben müsste und es erst dann der Kirche verfalle.“

protestierte ich, der Unterzeichnete und erzielte folgende Anordnung:

dass dem Vorhaben der Verschüttung nicht nachzugeben sey, vielmehr man sich darauf zu beschränken habe, die beiden Leichensteine, womit das Gewölbe verschlossen ist, gehörig zu versichern, so dass ein Einsturz des Gewölbes in kein er weise zu befürchten , im übrigen aber das schöne Gewölbe mit seinem Inhalt in seinem ganzen Status quo zu erhalten sey.

 

Nach diesem Ausspruche beschlossen die einzigsten hier anwesenden berechtigten Stavenhagenschen Familien Glieder und zwar der vorhin gedachte Kaufmann Joachim Heinrich und der unterzeichnete Kreis Secretär Friedrich Wilhelm Stavenhagen das Gewölbe öffnen zu lassen, was denn auch geschah. Und so stiegen, nachdem das Gewölbe 42 Jahre verschlossen gewesen war, diese beiden Nachkommen, Letzterer in Begleitung seines zweiten, hier gerade anwesenden Sohn es Hugo Emil Stavenhagen, geboren am 26. November 1828, zur Studiosus philologiae auf der Universität Berlin und seines jüngsten Sohnes Maximilian Leopold Willibald Stavenhagen, geboren am 6ten November 1835, zur Zeit Terzianer des hiesigen Gymnasiums.

am Freitag, den 19ten October 1849 Nachmittags in die Gruft ihrer Eltern

Zwey und zwanzig (22) alte, verschlossene schöne eicherne Särge mit den irdischen Überresten der lieben Verstorbenen auf eisernen Rosten stehend, die Särge zum größten Theil mit Metallplatten, welche den Namen, Geburts= und Sterbetag der Entschlafenen enthalten, versehen. Wenn ich nun noch einige Familien Nachrichten folgen lasse, so geschieht dies um deswillen, um meinen Nachkommen, denen diese Denkschrift dermaleinst zu Gesichte kommen sollte, über den Stand unserer Familie augenblicklich zu informieren und so habe ich noch folgendes beizufügen------

 

Im Jahre 1812 wurde ich als Königl. Kreis Sekretär des Anclamschen Kreises angestellt, wohnte den Befreiungskriegen von 1813/1815 gegen Frankreich, zunächst bei dem 8ten König. Preuß. Husaren Regiment, sodann bei dem General Bülow von Denne4witz bey, nahm nach Beendigung des Krieges meine Stellung als Kreis Sekretär wiederum ein, in welcher ich mich auch zur Zeit noch befinde. Im Jahre 1820, am 27. October war der glücklichste Tag meines Lebens, ich wurde an diesem tage mit meiner von mir innig geliebten Cousine , die Tochter meiner Mutter Bruder, des Bürgermeister Otto zu Demmin, Antoine Charlotte Caroline, gebohren am 3ten May 1797 ehelich verbunden. Mein Glück kannte keine Grenzen, ich hatte die beste Gattin die nur zu erdenken ist.—

 

mein einziger Bruder , Carl Philipp Ferdinand, gebohren am 27. Juni 1793 hat gleichfalls dem Feldzug beigewohnt, ist nachdem als Haupt Montierungs Depot Controlleur in Düsseldorf angestellt, hat sich dortselbst mit der Tochter des Kriegsrath Richter, Vornamens Amalie, am 5. Juli 1825 verheiratet und hat aus seiner Ehe, nachdem mehrerer Kinder gestorben, noch zwei Knaben, Gustav und Adolf, sowie zwei Mädchen , Emma und Bertha am Leben. Da er immerwährend krank und elend ist, hat er seit einigen Jahren seine Entlassung aus dem Staatsdienst begehrt und lebt zu Düsseldorf im Ruhestand.

 

Meine Schwester Emma Albertine Philippine, gebohren am 26 November 1801 und an den Prediger Berger in Crien verheiratet, hat zwei Söhne und eine Tochter.

 

So möge denn diese kleine Denkschrift meinen Nachkommen, wenn sie dies Gewölbe jemals betreten, Nachricht über den jetzigen Stand unserer Familie zukommen lassen, zugleich aber auch die Überzeugung zu gewähren, daß es mir zur treuen Pflicht stets habe gereichen lassen die rechte der zukünftigen Stavenhagenschen Familie zu wahren. ich mache es Ihnen zur Pflicht, in diesem Sinne fortzufahren und füge zu diesem ende auch eine getreue Abschrift des mit der Kirche im Jahre 1753 geschlossenen Contraktes bey.

 

Amen!

Geschlossen Anklam, den 17. November 1849 frühe Morgens 4 Uhr.

Carl Friedrich Wilhelm Stavenhagen in der Peenstraße, z. Zt. dem Kaufmann Philipp v. Stade hörig.

 

 

 

 

 

Die Familie Stavenhagen hatte in der Marienkirche eine Erbbegräbnisstelle. 1934 entdeckten Handwerker in der Marienkirche dieses Erbbegräbnis der Familie Stavenhagen mit 22 Särgen. Aus der beiliegenden Denkschrift aus dem Jahre 1849 ist ersichtlich, dass die Grabstel-le 1773 von der Kirchenbehörde gekauft worden war. In §4 der Denkschrift heißt es:

Dass der Stavenhagenschen Familie, solange sie besteht, das Recht an dem Gewölbe und dem oberhalb desselben befindlichen Gestühls unver-kürzet verbleibt: nach dem gänzlichen Aussterben derselben aber dennoch fünfzig (50 Jahre).

Foto von Katharina Jahn-Busch 2011